Soziale Ungleichheiten im Informationsverhalten während der Corona Krise

  • Die Kronen Zeitung und Nachrichtensendungen des Privatfernsehens werden von Personen mit niedrigerem Bildungsabschluss häufiger genutzt, um sich über das aktuelle politische Geschehen zu informieren. Jene mit höherer Bildung und höherem Einkommen tendieren zu den Zeitungen Der Standard und Die Presse.
  • Ein höherer selbsteingeschätzter sozialer Status geht mit einer häufigeren Nutzung der Tageszeitungen Der Standard oder Die Presse einher, auch Instagram und Twitter werden häufiger genutzt.
  • Wer sich während der Corona-Krise einsam fühlt, nutzt seltener soziale Medien als Informationsquelle (Facebook, Twitter, YouTube, Instagram und Whats App).

Von Robert Moosbrugger, Dimitri Prandner und Christoph Glatz

Informationen über das aktuelle politische Geschehen haben vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie große Bedeutung. Aber, wie informiert sich wer unter den Östrerreicher*innen? Eine relevante Frage, da der Nachrichtenkonsum und das Informationsverhalten in vielerlei Hinsicht von sozialen Ungleichheiten geprägt sind und Studien oftmals einen direkten Zusammenhang zwischen sozialer Position und Informiertheit aufzeigen.

In Anlehnung an Erkenntnisse aus vorherigen Blogbeiträgen zu Themen wie Informationsverhalten, Medienvertrauen, Informationsvermeidung oder Falschinformation während der Corona-Krise, soll in diesem Beitrag die Rolle von sozialer Ungleichheit im Informationsverhalten analysiert werden. Aktuelle wissenschaftliche Studien identifizierten Unterschiede im Informationsverhalten hinsichtlich Bildung (höhere Bildungsabschlüsse gehen mit stärkerem Interesse an Information einher) und Einkommen (höhere Einkommen mit einer differenzierteren Nutzung von Angeboten). Diese beiden bekannten “objektiven” Indikatoren für soziale Ungleichheit, werden hier um zwei weitere “subjektive” ergänzt: die eigene Einschätzung der Position in der sozialen Hierarchie und das Empfinden von Einsamkeit als Hinweis darauf, ob sich jemand sozial ausgeschlossen fühlt.

Genutzt werden die Daten der 8. Welle des Austrian-Corona-Panels. Um den „High Choice“-Medienlandschaften des 21. Jahrhunderts in der Analyse gerecht zu werden, wird die Nutzung von Medienangeboten aus dem Bereich Tageszeitungen (Kronen Zeitung, Der Standard, Die Presse), Fernsehen (ORF und private Fernsehnachrichten) und ausgewählten sozialen Medien (Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, Whats App) berücksichtigt.

Die Befragungsteilnehmer*innen gaben Antworten auf die Fragen,

  • wie oft sie sich in der letzten Woche über das politische Geschehen in den jeweiligen Tageszeitungen (im Internet oder gedruckt) informiert haben;
  • wie oft sie sich in der letzten Woche über das politische Geschehen durch Nachrichtensendungen im ORF oder im Privatfernsehen informiert haben und
  • wie oft sie in der letzten Woche Informationen zur Corona-Krise in Sozialen Medien verfolgt haben.

Die jeweiligen Antworten „mehrmals täglich“, „einmal täglich“ und „mehrmals die Woche“ wurden zu „häufige Nutzung“ zusammengefasst, die Antworten „einmal in der Woche“ und „gar nicht/nie“ werden im Folgenden als „seltene Nutzung“ bezeichnet (vgl. auch die methodische Anmerkungen am Ende des Texts).

Zeigen sich in der Krise Unterschiede in der Mediennutzung nach Bildung und Einkommen?

Bei den folgenden Analysen steht das Informationsverhalten in Abhängigkeit von Bildung und Einkommen im Vordergrund. Hierfür werden jeweils zwei Gruppen gebildet. Bildungsabschlüsse die ohne Matura enden werden zu einer Gruppe zusammengefasst, während alle Abschlüsse mit Matura bzw. einem Studienabschluss die zweite Gruppe bilden. Das Einkommen wurde mittels Mediansplit in die beiden Gruppen „niedrigeres Einkommen“ (bis unter 1.800 Euro netto monatlich) und „höheres Einkommen“ (ab 1.801 Euro netto monatlich) eingeteilt. Dadurch können zwei annähernd gleich große Gruppen verglichen werden (vgl. methodische Anmerkungen).

Zwischen den befragten Österreicher*innen mit und ohne Matura lassen sich keine signifikanten Unterschied im Informationsverhalten mittels Nachrichtensendungen im ORF sowie den sozialen Onlinemedien Facebook, Whats App, YouTube, Instagram und Twitter finden. Diese Angebote werden unabhängig vom Bildungsabschluss gleich häufig genutzt, wenn es um Informationen zum politischen Geschehen während der Corona-Pandemie geht. Eine unterschiedliche Nutzungsweise lässt sich allerdings bei den betrachteten Tageszeitungen und deren Onlineauftritten feststellen: Jene mit Matura nutzen häufiger den Standard oder Die Presse, um sich zu informieren. Umgekehrt wird von den Befragten, die keine Matura haben, öfter die Kronen Zeitung gelesen. Auch werden Nachrichtensendungen im Privatfernsehen von Personen ohne Matura häufiger gesehen als von jenen mit Matura (vgl. Abbildung 1).

Bezüglich Einkommen zeigt sich, dass Österreicher*innen mit niedrigerem Einkommen häufiger Facebook, aber seltener den Standard oder Die Presse nutzen, um sich zu informieren. Das Informationsverhalten mittels privaten oder öffentlich-rechtlichen Fernsehens, YouTube, Twitter, Instragram, Whats App sowie der Kronen Zeitung, unterscheidet sich dagegen nicht wesentlich zwischen den beiden Einkommensgruppen (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 1: Häufigkeit der Mediennutzung nach Bildungsabschluss (Anmerkungen: Corona-Panel – Feldzeit 15.-20. Mai 2020, n = 1 528 befragte Personen (ab 14 Jahre), Daten repräsentativ gewichtet für die österreichische Wohnbevölkerung; Unterschiede zwischen Bildungskategorien signifikant bei p<0,05 bei Privat-TV, Kronen Zeitung, Der Standard und Die Presse)

Abbildung 2: Häufigkeit der Mediennutzung nach Einkommen (Anmerkungen: Corona-Panel – Feldzeit 15.-20. Mai 2020, n = 1.528 befragte Personen (ab 14 Jahre), Daten repräsentativ gewichtet für die österreichische Wohnbevölkerung; Unterschiede zwischen Einkommenskategorien signifikant bei p<0,05 bei Facebook, Der Standard und Die Presse)

Zeigen sich in der Krise Unterschiede in der Mediennutzung nach (selbsteingeschätztem) sozialen Status und empfundener Einsamkeit?

Nachdem im letzten Abschnitt die Unterschiede im Informationsverhalten nach Einkommen bzw. Bildung analysiert wurden, werden im nächsten Abschnitt die Unterschiede basierend auf der subjektiv empfundenen sozialen Position betrachtet. Dazu wird einerseits auf die selbsteingeschätzte Verortung in der sozialen Hierarchie und das Einsamkeitsempfinden der Befragten zurückgegriffen. Auch hier werden wieder zwei Gruppen gebildet und miteinander verglichen: Zur Erfassung der subjektiven gesellschaftlichen Position wurden die Teilnehmer*innen gefragt, wo Sie sich auf einer Skala von 1 bis 10 in der gesellschaftlichen Hierarchie einordnen würden, wobei „1“ für „unten“ steht, und „10“ für „oben“. Alle Antworten von „1“ bis „4“ wurden als „unten“ kategorisiert, und alle Antworten von „7“ bis „10“ als „oben“. Einsamkeit wurde mit der Frage „Wie oft waren Sie in der letzten Woche einsam?“ erhoben. Die Antwortkategorie „1“ (nie) wurde mit „Nicht Einsam“ benannt und die Antwortkategorien „2“ (an manchen Tagen), „3“ (mehrmals die Woche), „4“ (beinahe jeden Tag) und „5“ (beinahe täglich) wurden zur Kategorie „Einsam“ zusammengefasst (vgl. methodische Anmerkungen).

Die Ergebnisse der Analysen zeigen, dass der selbst zugeschriebene soziale Status in keinem Zusammenhang mit der Nutzung von Nachrichtensendungen im Privatfernsehen, der Informationssuche auf Facebook, Whats App oder YouTube bzw. der regelmäßigen Lektüre der Kronen Zeitung zu Informationszwecken steht. Bei den anderen analysierten Medien zeigt sich aber ein Unterschied bei der Nutzungshäufigkeit. So werden Nachrichtensendungen im ORF, die Inhalte des Standards und der Presse sowie Instagram und Twitter häufiger als Informationsquelle herangezogen, wenn die Befragten ihren sozialen Status als hoch einschätzen (vgl. Abbildung 3).

Österreicher*innen die sich in der vergangenen Woche einsam fühlten nutzten vermehrt Nachrichtensendungen im ORF um sich zu informieren. Diejenigen, die sich nicht einsam fühlten, nutzten dagegen vermehrt die Tageszeitungen Der Standard und Die Presse sowie die sozialen Onlinemedien Facebook, YouTube, Whats App, Instagram und Twitter um sich zu informieren (vgl. Abbildung 4).

Abbildung 3: Häufigkeit der Mediennutzung nach sozialem Status (Anmerkungen: Corona-Panel – Feldzeit 15.-20. Mai 2020, n = 1.528 befragte Personen (ab 14 Jahre), Daten repräsentativ gewichtet für die österreichische Wohnbevölkerung; Unterschiede zwischen Statusgruppen signifikant bei p<0,05 bei ORF, Der Standard, Instagram, Die Presse und Twitter)

Abbildung 4: Häufigkeit der Mediennutzung nach Einsamkeitsempfinden (Anmerkungen: Corona-Panel – Feldzeit 15.-20. Mai 2020, n = 1.528 befragte Personen (ab 14 Jahre), Daten repräsentativ gewichtet für die österreichische Wohnbevölkerung; Unterschiede hinsichtlich Einsamkeitsempfinden signifikant bei p<0,05 bei ORF, Facebook, Whats App, YouTube, Der Standard, Instagram, Der Presse und Twitter)

Informationsverhalten in der Krise

Eine differenzierte Mediennutzung ist auch in der Krise erkennbar. Neben Fernsehen und den Tagezeitungen, allen voran die Kronen Zeitung, sind es auch Onlineangebote, welche von den Österreicher*innen genutzt werden, um sich zu informieren. Mediennutzung ist auch in Zeiten der Corona-Pandemie von sozialer Ungleichheit geprägt. Jene mit niedriger Bildung tendieren vergleichsweise häufiger zu Angeboten des Privatfernsehens und der Kronen Zeitung, während höher Gebildete und Personen mit höherem Einkommen sowie jene, die sich in der sozialen Hierarchie selbst weiter oben platzieren, dem Standard und der Presse den Vorzug geben. Nutzer*innen von sozialen Medien fühlen sich weniger einsam. Damit kann davon ausgegangen werden, dass auch während Krisenzeiten die Annahme gilt, dass auch Information i wie andere Güter ungleich in der Bevölkerung verteilt ist. Ungleich verteilte Information hat mitunter auch zur Konsequenz, dass unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gesellschaftlich relevante Ereignisse unterschiedlich beurteilen; oftmals nicht aufgrund von normativen Positionen, sondern auch aufgrund eines Informationsdefizits.

Das Material des Austrian-Corona-Panels bietet das Potential Informationsrepertoires bzw. Medienmenüs zu ermitteln und so Vergleiche mit vor oder nach der Corona-Krise erhobenen Datensätzen zu ziehen und somit diese Fragestellungen im Detail weiter zu verfolgen.


Dimitri Prandner ist als Senior Scientist (Post-Doc) am Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Salzburg und an der Abteilung für empirische Sozialforschung der Universität Linz tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Nachrichtensoziologie, des politischen Informationsverhalten und der quantitativen Umfrageforschung.

Robert Moosbrugger ist Universitätsassistent und Doktorand an der Abteilung für empirische Sozialforschung der Universität Linz. Seine Schwerpunkte sind Bildungs- und Gesundheitsforschung.

Christoph Glatz ist wissenschaftlicher Projektmitarbeiter und Doktorand am Institut für Soziologie an der Universität Graz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Well-Being-Forschung und Umfrageforschung.


Methodische Anmerkungen

Die bivariaten Analysen in diesem Blogbeitrag wurden mittels Kreuztabellen durchgeführt, die Signifikanz wurde dabei mittels Chi² Tests überprüft. Unterschiede zwischen den jeweiligen Gruppen werden im Text als signifikant bezeichnet, sobald die jeweilige Irrtumswahrscheinlichkeit, gemessen mit dem p-Wert, niedriger als 5% (0,05) betrug.

Zur Erfassung des Informationsverhaltens wurden die Teilnehmer*innen gefragt, 1.) wie oft sie sich letzte Woche über das politische Geschehen in den jeweiligen Zeitungen (im Internet oder gedruckt) oder Online-Medien informiert haben (Kronen Zeitung oder krone.at; Der Standard oder derstandard.at; Die Presse oder diepresse.com; …); 2.) wie oft sie sich letzte Woche über das politische Geschehen in den folgenden Nachrichtensendungen informiert haben (Nachrichtensendungen im ORF (z.B. Zeit im Bild um 19:30h oder ZiB 2 um 22:00h)); Nachrichtensendungen im Privatfernsehen (z.B. ATV aktuell, Puls 4/Pro7/Sat1 Austria)); und 3.)  wie oft sie in der letzten Woche Informationen zur Corona-Krise in den folgenden Sozialen Medien verfolgt haben (Facebook; Twitter; YouTube; …). Die Antwortmöglichkeiten waren jeweils „1 – Mehrmals täglich“, „2 – Einmal täglich“, „3 – Mehrmals in der Woche“, „4 – Einmal in der Woche“ und „5 – Gar nicht/nie“, wobei die Antwortkategorien aus Gründen der Übersichtlichkeit von „1“ bis „3“ („Zumindest mehrmals pro Woche“) sowie von „4“ bis „5“ („seltener“) zusammengefasst wurden.

In diesem Blogbeitrag wurde das Informationsverhalten in Abhängigkeit von Bildung, Einkommen, Einsamkeit und subjektiver Schichtzugehörigkeit untersucht.  Alle vier (unabhängigen) Variablen wurden dafür dichotomisiert. Fragewortlaut und Codierung sind dem Haupttext zu entnehmen.