24.10.2022 - PDF

Long Covid in Österreich: Häufigkeit und Symptome

  • Ungefähr 10 Prozent aller jemals positiv auf COVID-19 getesteten Personen gaben im April 2022 an, aktuell von Long Covid betroffen zu sein. Weitere 8 Prozent gaben an, Long Covid gehabt zu haben, aber bereits wieder genesen zu sein.
  • Das am häufigsten auftretende Symptom bei Long Covid ist laut Angaben der Betroffenen Abgeschlagenheit/Müdigkeit, gefolgt von Kurzatmigkeit/Atemnot und Konzentrationsschwierigkeiten und Kopfschmerzen. 29% gaben eine Post-Exertional-Malaise als Symptom an.

Von Florian Holl, Christina Walcherberger, Thomas Resch und Julia Partheymüller

Unter dem Begriff Long Covid werden Symptome zusammengefasst, die mehr als vier Wochen nach dem Beginn einer COVID-19-Erkrankung fortbestehen oder neu auftreten. Das Office of National Statistics (ONS) schätzt für Großbritannien, dass bei etwa einer von fünf positiv auf COVID-19 getesteten Personen die mit Long Covid in Verbindung gebrachten Symptome über einen Zeitraum von 5 Wochen oder länger auftreten; bei etwa einer von zehn treten Symptome über einen Zeitraum von 12 Wochen oder länger auf. Nach den Daten des ONS beeinträchtigten Long-Covid-Symptome die alltäglichen Aktivitäten von 67 % derjenigen, die selbst angaben, Long Covid zu haben. Dabei gaben 19% an, dass ihre Fähigkeit, ihren alltäglichen Aktivitäten nachzugehen, "stark eingeschränkt" war. Müdigkeit war das häufigste Symptom das im Zusammenhang mit Long-Covid-Erfahrungen berichtet wurde (51% der Personen mit selbstberichtetem Long Covid waren betroffen), gefolgt von Kurzatmigkeit (33%), Verlust des Geruchssinns (26%) und Konzentrationsschwierigkeiten (23%). 

Für Österreich sind keine offiziellen Daten bekannt. Folgt man den Einschätzungen des ONS, könnten auch in Österreich, grob geschätzt anhand der bisherigen Fallzahlen unter Berücksichtigung von Mehrfachinfektionen, zwischen 350.000 und 850.000 Personen von Long Covid betroffen sein. Im Zeitraum vom Pandemiebeginn bis April diesen Jahres wurden bei der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) 46.000 Krankenstände aufgrund von Long Covid gemeldet. Dieser Blog wertet Daten des Austrian Corona Panel Project (ACPP) aus dem April 2022 aus, um zu ermitteln, wie viele Personen laut Selbsteinschätzung von Long Covid betroffen sind und welche Symptome dabei am häufigsten auftreten.[1]

Betroffenheit von Long Covid

Abbildung 1 zeigt die Selbsteinschätzung derjenigen Befragten, die angeben, bereits eine COVID-19 Infektion durchgemacht zu haben, von Long Covid betroffen zu sein bzw. betroffen gewesen zu sein. Ungefähr 10% aller jemals positiv Getesteten gaben an, dass sie zum Zeitpunkt der Befragung von Long Covid betroffen waren. Weitere 9% schätzten, dass sie zuvor einmal an Long Covid erkrankt, mittlerweile aber wieder genesen waren. Vergleicht man diese Daten mit den weiter oben erwähnten Schätzungen des ONS aus Großbritannien, kann ein ähnliches Resultat festgestellt werden, da in beiden Fällen der Anteil der Personen, die mit Long Covid Symptomen in Verbindung gebracht werden, bei ungefähr einem Fünftel aller bereits Infizierten liegt (10%+9%= ca. 19%).

Abbildung 1: Selbsteinschätzung Betroffenheit von Long Covid (Daten: ACPP, 22.04.–29.04.2022, N=521, Grundgesamtheit: Wohnbevölkerung ab 14 Jahren, gewichtet)

Symptome bei Long Covid

Abbildung 2 zeigt die Symptome, die bei Personen aufgetreten sind, die aktuell und früher einmal von Long Covid betroffen waren. Das mit Abstand am häufigsten genannte Symptom bei Long Covid ist eine Abgeschlagenheit/Müdigkeit. Rund zwei Drittel aller Befragten waren davon betroffen. Mit 43% gab ein weiterer großer Anteil der Befragten an, an Kurzatmigkeit/Atemnot zu leiden, gefolgt von Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen und Post-Exertional Malaise (Verschlechterung der Symptomatik nach geringfügiger körperlicher und/oder geistiger Anstrengung) mit jeweils circa einem Drittel. Rund ein Viertel war von Muskelschmerzen, ein Fünftel von Geschmacks- bzw. Geruchsverlust betroffen.

Abbildung 2: Symptome bei Long Covid (Daten: ACPP, 22.04.–29.04.2022, N=102, Grundgesamtheit: Wohnbevölkerung ab 14 Jahren, gewichtet), Mehrfachnennungen möglich.

Fazit

Insgesamt lässt sich feststellen, dass circa ein Fünftel aller Personen, die jemals positiv auf COVID-19 getestet wurden, angab, von Long Covid betroffen zu sein oder gewesen zu sein. Insbesondere Abgeschlagenheit/Müdigkeit, Kurzatmigkeit/Atemnot und Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen sowie Post Exertional Malaise sind häufig damit einhergehende Symptome. Bedenkt man außerdem, dass auch milde Infektionsverläufe von Long Covid betroffen sein können, stellt dies potentiell eine große Belastung für das Gesundheitswesen und den Arbeitsmarkt (durch vermehrte Krankenstände) dar. Allerdings kann aufgrund fehlender Daten zur tatsächlichen Betroffenheit nur eher ungenau abgeschätzt werden, wie groß diese zusätzlichen Belastungen tatsächlich sind.


Florian Holl arbeitet als Studienassistent am Institut für Wirtschaftssoziologie der Universität Wien und ist Teil des Teams des Austrian Corona Panel Project (ACPP). Er studiert im Bachelorstudiengang Politikwissenschaft.

Christina Walcherberger arbeitet als Studienassistentin am Institut für Wirtschaftssoziologie der Universität Wien und ist Teil des Teams des Austrian Corona Panel Project (ACPP). Sie studiert im Bachelorstudiengang Politikwissenschaft.

Thomas Resch ist als Doktorand am Institut für Wirtschaftssoziologie der Universität Wien tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Gerechtigkeitsforschung, Verteilungspräferenzen, Einstellungen gegenüber dem Wohlfahrtsstaat und international vergleichender Analyse von Wohlfahrtsstaaten.

Julia Partheymüller arbeitet als Senior Scientist am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien und ist Mitglied des Vienna Center for Electoral Research (VieCER). Sie ist Teil des Projektteams der Austrian National Election Study (AUTNES) sowie des Austrian Corona Panel Projects (ACPP).


 

 

Fußnoten

[1] In methodischer Hinsicht ist zu betonen, dass es sich bei den berichteten Angaben zu Long Covid und den Symptomen um Selbsteinschätzungen der Befragten handelt. Die Frageformulierung zur Selbsteinschätzung von Long Covid lautete folgendermaßen: “Glauben Sie, dass Sie Long Covid haben oder hatten? Mit Long Covid ist gemeint, dass Sie mehr als 4 Wochen nach der COVID-Infektion noch Symptome haben oder hatten, die sich nicht anders erklären lassen.” Für Personen, die diese Eingangsfrage bejahten, wurde im Anschluss mittels einer Symptomcheckliste das Vorliegen von Symptomen erfasst. Dieses Vorgehen liegt auch den Zahlen des Office of National Statistics (ONS) für Großbritannien zugrunde und die gemessenen Werte ähneln sich grundsätzlich sowohl in Hinblick auf die Prävalenz als auch bezüglich der Symptomatik. Jedoch ist der Stichprobenumfang der ACPP-Befragung kleiner, weshalb die Werte mit einer größeren Unsicherheit belastet sind und wir keine Subgruppenanalysen (z.B. nach Alter oder Zeitpunkt der Infektion) vornehmen können. Anzumerken ist ferner, dass Befragungen tendenziell aufgrund des Fehlens einer Kontrollgruppe zur Messung der Hintergrundinzidenz von Symptomen zu einer Überschätzung der Prävalenz führen können.