Wen die Krise bis in den Schlaf verfolgt: Ein Einblick in die Schlafqualität in Österreich

  • Der Großteil der Österreicher*innen (64%) schläft auch während der Krise gut.
  • Je einsamer sich die Befragten jedoch fühlen, desto schlechter schlafen sie.
  • Auch arbeitslose Personen und andere Gruppen, die derzeit keiner Erwerbsarbeit nachgehen (haushaltsführende Personen, Karenzierte), schlafen schlechter, Pensionist*innen aber besser als andere Gruppen.
  • Die Schlafqualität ist umso schlechter, je größer die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gefahren durch das Coronavirus wahrgenommen werden.
  • Je besser die Lebensumstände in fünf Jahren eingeschätzt werden, desto höher die Schlafqualität.
  • Sorgen um das eigene Wohlergehen wirken sich negativer auf die wahrgenommene Schlafqualität aus als Sorgen um die allgemeine Situation in Österreich.

David W. Schiestl, Fabian Kalleitner, Bernhard Kittel

Guter Schlaf ist wichtig. Schläft man schlecht, ist dies häufig ein Indikator für Stress und gestiegene Alltagssorgen. Eine Veränderung der Schlafqualität stellt daher ein Indiz für die psychischen Auswirkungen der Corona-Krise dar. Darüber hinaus beeinflusst die Schlafqualität die allgemeine Lebensqualität deutlich; Schlafprobleme können wiederum Stress erzeugen und langfristige Folgen haben. Wie schlafen die Menschen also während der Corona-Krise? Um dies zu beantworten, stellten wir unseren Respondent*innen in der 5. Welle unserer Studie (Befragungszeitraum: 24. – 29. April) Fragen zur ihrer Schlafqualität. 

Wie individuelle Lebensumstände die Schlafqualität prägen

Allgemein scheinen die Österreicher*innen mit relativ erholsamen Nächten beglückt zu werden: Etwa zwei Drittel geben an, „gut“ (27%) oder „sehr gut“ (37%) zu schlafen. Umgekehrt schlafen nur 11% „schlecht“ oder „sehr schlecht“ (siehe Abbildung 1, a.). Allerdings gibt es auch Gruppen, welche deutlich schlechter schlafen: Am stärksten treten hier einsame Menschen hervor; sie weisen signifikant niedrigere Schlafqualität auf als der Durchschnitt der Österreicher*innen (ρ = -0,32; p < 0,001): Der Anteil jener, welche (sehr) gut schlafen, mehr als halbiert sich in dieser Gruppe (siehe Abbildung 1, b.). Es gilt: Je einsamer sich die Menschen fühlen, desto schlechter schlafen sie.

Abbildung 1: a. Schlafqualität im Durchschnitt (N = 1496); b. Schlafqualität von Menschen, welche sich„beinahe täglich“ oder „täglich“ einsam fühlen (N = 138); c. Schlafqualität von Personen, welche „sehr große“ oder „große“ persönliche wirtschaftliche Gefahr durch das Coronavirus sehen (N=367); d. Schlafqualität von Personen, welche „sehr große“ oder „große“ persönliche gesundheitliche Gefahr durch das Coronavirus sehen (N=224). Daten aus dem Austrian Corona Panel Project (Welle 5); gewichtet. Differenzen auf 100% entstehen durch Rundung. Sterne markieren signifikante Unterschiede der Mittelwerte (H-Tests; *** p < 0,001).

Ebenfalls negativ korreliert die Schlafqualität mit den Einschätzungen über die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Gefahren, welche vom Coronavirus ausgehen – je größer diese wahrgenommen werden, desto geringer fällt die Schlafqualität aus. Dabei zeigt die persönliche Gefahrenbewertung (siehe Abbildung 1, c. und d.) eine bedeutend stärkere Beziehung mit der Schlafqualität als die allgemein eingeschätzte Gefahr für Österreich (ohne Abbildung): Den höchsten Zusammenhang mit der Schlafqualität weist die persönliche wirtschaftliche Gefahr auf, welche die Befragten sehen (ρ = -0,24; p < 0,001), dicht gefolgt von der persönlichen gesundheitlichen Gefahr (ρ = -0,22; p < 0,001). Etwas schwächer ist der Zusammenhang der Schlafqualität mit der allgemeinen Einschätzung der gesundheitlichen Gefahr (ρ = -0,14; p < 0,001) und wirtschaftlichen Gefahr für Österreich (ρ = -0,11; p < 0,001) ausgeprägt.

Positive Korrelationen zeigen sich mit den Erwartungen hinsichtlich der persönlichen und allgemeinen Lebensumstände in Österreich in fünf Jahren: Je besser die Lebensumstände in der Zukunft eingeschätzt werden, desto höher fällt die Schlafqualität aus. Die stärkste dieser – insgesamt eher schwach ausgeprägten – Relationen zeigt sich dabei erneut im Hinblick auf die Erwartungen, welche die Befragten zu ihren persönlichen Lebensumständen hegen (ρ = 0,14; p < 0,001). Etwas geringere Zusammenhänge finden sich mit der allgemeinen Antizipation der Lebensumstände in Österreich (ρ = 0,09; p < 0,001). Insgesamt beobachten wir also, dass die Einschätzungen zur gegenwärtigen persönlichen Bedrohung durch das Coronavirus und individuelle Zukunftsängste den Schlaf von Menschen mehr stören als Einschätzungen zur allgemeinen Situation in Österreich.

Interessanterweise scheint der Zeithorizont des aktuellen Ausnahmezustandes dabei eher unwichtig zu sein: Es zeigte sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Schlafqualität und den Einschätzungen über die Dauer der Corona-Krise.

Wie objektive Lebensumstände die Schlafqualität prägen

Unterschiede in der Schlafqualität zeigen sich aber nicht nur in den subjektiven Sorgen und Zukunftserwartungen oder im Grad an Einsamkeit, sondern auch hinsichtlich objektiver Lebensumstände. So illustriert eine Gegenüberstellung der Mittelwerte verschiedener Erwerbsgruppen, wie sehr sich die persönliche Erwerbssituation auf die Schlafqualität auswirkt (siehe Abbildung 2). Im Vergleich zum Durchschnitt geben Pensionist*innen[1] signifikant höhere Schlafqualität an (p < 0,01), Personen außerhalb von Erwerbsarbeit und Ausbildung (z.B. haushaltsführende Personen, Karenzierte usw.) aber signifikant niedrigere (p < 0,05). Arbeitslose Befragte schlafen, wiederum im Vergleich zum Mittel, am schlechtesten (p < 0,01) - was wiederum die Bedeutung von Sorgen und Ängsten für die Qualität des Schlafes unterstreicht.

Abbildung 2: Mittelwerte der Schlafqualität nach Erwerbsgruppen (N = je zwischen 73 und 369, igst. 1496). „Außerhalb von Erwerbsarbeit“ umfasst dabei Menschen, welche keiner Erwerbsarbeit nachgehen und keiner der übrigen Gruppen angehören, wie Karenzierte oder haushaltsführende Personen. Höhere Werte bedeuten bessere Schlafqualität. Daten aus dem Austrian Corona Panel Project (Welle 5); gewichtet. Sterne markieren signifikante Unterschiede der Mittelwerte (H-Tests; * p < 0,05; ** p < 0,01).

Während sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Haushalten mit und ohne Kinder zeigen, finden wir Zusammenhänge zwischen Schlafqualität und den Herausforderungen der Organisation der Pflege von Angehörigen: Je schwieriger diese Organisation von den Betroffenen wahrgenommen wird, desto schlechter schlafen sie (ρ = -0,18; p < 0,05). Ähnliches beobachten wir bezüglich der Einschätzung, wie gut die Pflege aufrechterhalten werden kann (ρ = -0,14; p < 0,05).

Fazit

Die meisten Menschen in Österreich schlafen also trotz der Corona-Krise eher gut. Hier könnte sich auch die Entschleunigung, welche einem Teil der Gesellschaft durch die Krise aufgezwungen wurde, positiv auf die Möglichkeit auswirken, zur Ruhe zu kommen. Manche Gruppen allerdings weichen von diesem allgemeinen Trend ab und schlafen schlechter als andere. Dies betrifft gerade jene, welche in der Krise großem Stress ausgesetzt sind: Besonders einsame, aber auch arbeitslose Menschen. Schlechter Schlaf fördert allerdings wiederum Stress – hier ergibt sich schnell ein Teufelskreis. Dabei könnte auch ein Zusammenhang mit dem Genussmittelkonsum bestehen, denn beide Gruppen trinken mehr Alkohol als der Durchschnitt.

Daneben sind es die selbst- und familienbezüglichen Wahrnehmungen der Krise, welche am stärksten mit der Schlafqualität korrelieren: Der Eindruck der persönlichen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Gefahr, Herausforderungen rund um die Pflege Angehöriger und die Einschätzung der eigenen Lebensumstände in der Zukunft. Wenn die Corona-Krise auch viele Menschen bis in den im Schlaf beschäftigen mag, scheint erst die persönliche Ebene der Sorgen, die sich aus den Folgewirkungen und Nebeneffekten der Krise ergeben, deutliche Verschlechterungen der Schlafqualität mit sich zu bringen.


 David W. Schiestl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftssoziologie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeitsmarkt, Migration, Sozialpsychologie und Organisation.

Fabian Kalleitner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftssoziologie der Universität Wien. Aktuell forscht er zu Themen wie Steuerpräferenzen, Steuerwissen, Wahrnehmungsmechanismen und Arbeitswerte.

Bernhard Kittel ist Universitätsprofessor am Institut für Wirtschaftssoziologie der Universität Wien und Vizedekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Seine Forschungsschwerpunkte sind Experimentelle Gerechtigkeitsforschung, Experimentelle Gremien- und Wahlforschung, Beschäftigungs- und Arbeitsmarktforschung sowie International vergleichende Analyse von Wohlfahrtsstaaten und Arbeitsbeziehungen.


 

 

Anmerkung

[1] Wir weisen darauf hin, dass sehr alte Personen in unserer Umfrage unterrepräsentiert sind. Die Schlafqualität von Pensionist*innen könnte daher überschätzt sein.