Von Südkorea lernen? Zur Nutzung und Akzeptanz der “Stopp Corona”-App in Österreich

Zusammenfassung:

  • Die Mehrheit der Österreicher*innen hat die Stopp-Corona-App bisher nicht genutzt, hat aber bereits schon einmal von ihr gehört. Nutzer*innen der Stopp-Corona-App bewerten diese durchweg positiver als diejenigen, die bisher nur von der App nur gehört haben.
  • Ein hoher Anteil der Befragten, der bisher von der App nur gehört haben, ist sich unsicher, ob die App die Daten der Nutzer*innen effektiv schützt.
  • Für eine verpflichtende Nutzung der App gibt es derzeit keine mehrheitliche Unterstützung, weder bei Nutzer*innen noch unter jenen, die bisher von der App nur gehört haben.
  • Insgesamt herrscht Bedarf nach Aufklärung in Sachen App in Hinblick auf deren Nützlichkeit, Funktionalität, und Datensicherheit sowie nach einer offenen Diskussion über Chancen und Risiken.

Von Julia Partheymüller, Sylvia Kritzinger, Hyunjin Song und Carolina Plescia

 

Bei der Stopp-Corona-App des Roten Kreuzes handelt es sich um eine Handy-App zur beschleunigten Benachrichtigung von Kontaktpersonen von Corona-Infizierten. Laut einer Studie der Universität Oxford hat eine App dieser Art das Potential, bei einer weit verbreiteten Nutzung in der Bevölkerung einen entscheidenden Beitrag zur Eindämmung des Coronavirus zu leisten. Die Eindämmung der Pandemie durch eine Kombination aus hohen Diagnosetest-Kapazitäten und Technologie-Einsatz in Südkorea hat die Debatte über die Einführung einer Handy-App auch nach Österreich gebracht. 

In Österreich scheiden sich bislang an der App-Frage die Geister: Für die einen stellt eine App zur Nachverfolgung von Kontakten infizierter Personen das rettende technische Tool dar, das in der Corona-Krise die Rückkehr zur Normalität ermöglichen soll; für die anderen verkörpert die App sinnbildlich den ersten Schritt im Übergang zu einem digitalen Überwachungsstaat. Der Diskurs ist also einerseits geprägt von der Betonung der Risiken und der Warnung vor Überwachung, andererseits vom potentiellen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Nutzen. 

Vor dem Hintergrund dieser Debatte werfen wir in diesem Blogpost zunächst einen näheren Blick auf den Technologie-Einsatz und die Technologie-Akzeptanz in Südkorea, wo digitale Technologien zur Eindämmung des Coronavirus beitragen konnten. Danach untersuchen wir anhand von Daten des Austrian Corona Panel Projects den derzeitigen Stand der Nutzung und Akzeptanz der Stopp-Corona-App in Österreich.

Das Modell Südkorea: Welche Rolle spielen digitale Technologien im Kampf gegen das Coronavirus?

Der Einsatz digitaler Technologien im Kampf gegen das Coronavirus spielt in Südkorea eine sehr prominente Rolle im Maßnahmenpaket zur Eindämmung der Pandemie. Die Regierung und medizinische Behörden sammeln dabei gezielt Daten zur Ermittlung relevanter Kontaktpersonen nachweislich infizierter Personen. Die Gesundheitsbehörden führen dazu einerseits persönliche Interviews durch und kombinieren die Angaben mit Informationen aus verschiedenen Datenbanken – wie z.B. Standortdaten von Mobiltelefonen oder Aufzeichnungen über die Nutzung von Kreditkarten. Sie tun dies mit dem Ziel, Menschen möglichst rasch aufzufinden, die mit einem bestätigten Fall Kontakt hatten. Die auf diesem Wege ermittelten Kontaktpersonen werden auf eine Corona-Infektion getestet. Bei einem positiven Testergebnis werden sie in ein Krankenhaus überwiesen und medizinisch behandelt; bei einem negativen Testergebnis begeben sich die Personen vorsichtshalber in eine 14-tägige (Selbst-)Quarantäne, da eine Infektion aufgrund der Inkubationszeit auch bei negativer Testung zu einem späteren Zeitpunkt noch auftreten kann.

Eine verpflichtende App-Nutzung ist in Südkorea nur für Personen vorgesehen, die von den Behörden zu einer 14-tägigen (Selbst-)Quarantäne verpflichtet wurden. Dies betrifft einerseits Personen, die aus dem Ausland einreisen, sowie jene, die engen Kontakt mit einem bestätigten Corona-Fall hatten. Nur sie müssen regelmäßig über die App Informationen zu ihrem Gesundheitszustand an die Behörden melden; eine verpflichtende Nutzung der App für die allgemeine Bevölkerung ist nicht vorgesehen. Der allgemeinen Bevölkerung werden aber sehr detaillierte Informationen über die Aufenthaltsorte – allerdings ohne eindeutige Identifikatoren wie Namen oder Wohnadressen – von Menschen mit bestätigter Infektion zugänglich gemacht. Die Informationen werden einerseits ähnlich wie bei Katastrophenschutz-Systemen per SMS ausgesendet, zum anderen werden die Angaben auf einer Website veröffentlicht (siehe Beispiel Info-Box – Abbildung 1). Diese Informationen sollen es der Bevölkerung ermöglichen, sich im Verdachtsfall möglichst rasch selbst zu isolieren und eine Testung zu veranlassen – gleichzeitig erhöhen sie aber auch das Risiko einer Re-Identifikation der infizierten Personen.

Infobox

Abbildung 1: Webseite mit Informationen zu bestätigten Fälle

Quelle: www.seoul.go.kr/coronaV/coronaStatus.do (auf Koreanisch)

Übersetzung Meldung Nr. 637:

– 1. Mai 13:00 Incheon Internationaler Flughafen (Korean Air KE8956, Sitz 55C) → 15:30 ~ 18:40 Flughafen → Öffentliches Gesundheitszentrum Gangdong-gu (Transfer mit dem Limousinenbus des Flughafens) → 18:40 ~ 19:10 Corona-19 Diagnosetest (Gangdong-gu Öffentliches Gesundheitszentrum 1. Screening-Klinik) → 19:10 ~ Gangdong-gu-Gesundheitszentrum → Zuhause

– 2. Mai 15:00 Bestätigung

Inwieweit werden diese Maßnahmen durch die südkoreanische Bevölkerung akzeptiert?

In Südkorea ist die Einstellung der Öffentlichkeit zur Kontaktnachverfolgung und dem Einsatz digitaler Technologien zur schnellen Isolierung möglicher Fälle im Allgemeinen positiv. Einer Umfrage zufolge befürworten 49.2% der Befragten eine hohe öffentliche Zugänglichkeit der Informationen, während nur rund 5.7% angaben, dass das derzeitige Niveau an Informationsweitergabe zu hoch sei. Weitere 40.6% gaben an, dass die derzeitige Zugänglichkeit von Informationen angemessen sei, und 4,5% haben sich nicht deklariert (“Weiß nicht / Keine Antwort“). Die Südkoreaner*innen akzeptieren die Maßnahmen insbesondere aus der Überlegung heraus, dass die Sperrung der "gesamten Nation" schlimmer sei als eine gezielte digitale Überwachung einzelner Personen. Die Angst vor einer möglichen digitalen Überwachungsgesellschaft wächst aber auch in Südkorea.

Zur Lage in Österreich

In Österreich werden die Kontakte von Corona-Infizierten derzeit manuell für jeden Fall gesondert durch die Gesundheitsbehörden nachverfolgt. Infizierte werden dabei zu ihren Kontaktpersonen befragt, die dann durch die Gesundheitsbehörden kontaktiert, getestet und isoliert werden. Eine digitale Unterstützung der manuellen Kontaktnachverfolgung durch die Stopp-Corona-App des Roten Kreuzes wird derzeit viel diskutiert. Vor diesem Hintergrund haben wir in unserer Panelumfrage zur Corona-Krise die Nutzung, Bekanntheit und Bewertung der Stopp-Corona-App untersucht.

Nutzung und Bekanntheit der Stopp-Corona-App

Bis Mitte April fehlt den meisten Österreicher*innen noch die persönliche Erfahrung mit der App: Laut unseren Daten nutzen nur etwa 12% der Befragten die App (siehe Abbildung 2). Da unsere Umfrage online durchgeführt wird – wir also besonders technikaffine Personen erreichen – und sich die Umfrage des Weiteren mit dem Corona-Thema befasst, dürften wir den Anteil der Nutzer*innen hier aber überschätzen. Der wahre Anteil der Nutzer*innen liegt vermutlich etwas niedriger.

Jedoch hat die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung (ca. 75%) bereits von der Stopp-Corona-App gehört. Der großen Mehrheit der Bevölkerung ist die App also indirekt durch Hörensagen und Medienberichte bekannt. Der Anteil jener, die noch nie von der App gehört haben, fällt mit weniger als 10 Prozent demgegenüber vergleichsweise gering aus. Auch der Anteil der Personen, die kein Smartphone nutzen, scheint vergleichsweise gering zu sein (auch wenn man wiederum eine gewisse Verzerrung zugunsten technikaffiner Personen in unserer Stichprobe aufgrund des Online-Befragungsmodus hier mitberücksichtigen muss).

Abbildung 2: Nutzung und Bekanntheit der Stopp-Corona-App (Daten: Austrian Corona Panel Data, Welle 4, 17.-21. April 2020; gewichtet; N(gültige Fälle)=1.494).

Bewertung der Stopp-Corona-App 

Wir haben die Nutzer*innen der App sowie jene Befragten, die von ihr gehört haben, nach ihren Einschätzungen und Bewertungen der Stopp-Corona-App gefragt (siehe Abbildung 3). Auf den ersten Blick wird deutlich, dass die Urteile jener, die die App bereits genutzt haben, positiver ausfallen, als in jener Gruppe, die nur von der App gehört haben. So geben Nutzer*innen häufiger an, dass die App nützlich ist, das Coronavirus einzudämmen, dass sie benutzerfreundlich ist, Personendaten effektiv schützt und verpflichtend werden sollte. Daraus kann aber nicht zwingend geschlossen werden, dass die Befragten aufgrund der Benutzung der Apps zu dieser positiven Einschätzung kommen; denn es könnte sich umgekehrt um eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber der App handeln, die erst dazu geführt hat, dass die Menschen die App herunterladen. Diese letzte Interpretation wird gestützt durch die Tatsache, dass die App bisher nur bedingt einsetzbar und nutzbar war (z.B. war zum Befragungszeitpunkt noch keine bzw. nur eingeschränkte Kontaktprotokollierung per “automatischen Handshake” möglich). Wenig überraschend trauen sich die Nicht-Nutzer*innen bei der Frage nach der Benutzerfreundlichkeit, dem Datenschutz und der Effektivität oftmals kein Urteil zu. Das heißt, hier besteht noch wenig Wissen und gleichzeitig hoher Informationsbedarf. 

Nicht-Nutzer*innen haben jedoch eine klare Meinung hinsichtlich der Frage nach einer verpflichtenden Nutzung: Eine verpflichtende Nutzung lehnen sie überwiegend ab (ca. 74%). In der Gruppe der Nutzer*innen ist man bei dieser Frage gegenüber geteilter Meinung; die Ablehnung (ca. 39%) scheint aber auch hier leicht gegenüber der Zustimmung (ca. 35%) zu überwiegen. Damit lässt sich zusammenfassend festhalten, dass eine verpflichtende Einführung der App durch die Bevölkerung derzeit überwiegend abgelehnt wird.

Abbildung 3: Bewertung der Stopp-Corona-App (Daten: Austrian Corona Panel Data, Welle 4, 17.-21. April 2020; gewichtet; N(“App genutzt”)=183; N(“Von App gehört”)=1.132).

Zusammenfassung und Fazit: Aufklärungsbedarf in Sachen Stopp-Corona-App

Zieht man das “Modell Südkorea” heran so gilt es zunächst festzuhalten, dass dort nur Personen in Quarantäne zur App-Nutzung verpflichtet sind, nicht aber die Allgemeinbevölkerung. Feinkörnige Angaben zu vergangenen Aufenthaltsorten infizierter Personen werden öffentlich ohne Angabe der Namen oder Wohnadressen zur Verfügung gestellt, wobei eine gewisse Möglichkeit zur Re-Identifikation der Personen verbleibt. Dies geschieht jedoch vollkommen unabhängig von der App-Nutzung.

Unsere Ergebnisse aus Österreich deuten daraufhin, dass für einen großen Anteil der Österreicher*innen die Nützlichkeit und die Funktionalität der Stopp-Corona-App unklar ist und vor allem die Datensicherheit kritisch betrachtet wird. Die große Mehrheit der österreichischen Bevölkerung kennt die App bisher nur indirekt vom Hörensagen oder über die Medienberichterstattung. Die Nutzer*innen selbst sind vergleichsweise positiv gestimmt; allerdings findet sich auch in dieser Gruppe eine gewisse Skepsis gegenüber einer verpflichtenden Nutzung. Bereits frühere Befunde deuten auf eine generell skeptische Grundhaltung der österreichischen Bevölkerung in Sachen Datenschutz hin (siehe Blog 2). 

Insgesamt muss eine offene Diskussion über die Risiken aber auch die Chancen durch die Stopp-Corona-App geführt werden. Während zwar auf der einen Seite eine App dabei helfen kann, wirtschaftlichen und persönlichen Schaden zu reduzieren, gilt es gleichzeitig die Bedenken und die Ablehnung der österreichischen Bevölkerung ernst zu nehmen und sich gegebenenfalls um alternative Ideen zu bemühen. Um eine fortschreitende Verunsicherung zu vermeiden, sollte daher möglichst rasch klargestellt werden, welcher Funktionsumfang und welcher Status der App angedacht ist.

Anhang mit Frageformulierungen


Julia Partheymüller arbeitet als Senior Scientist am Vienna Center for Electoral Research (VieCER) der Universität Wien und ist Mitglied des Projektteams der Austrian National Election Study (AUTNES). Sie promovierte in Sozialwissenschaften an der Universität Mannheim und studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und Universität Hamburg.

Sylvia Kritzinger ist Professorin für Methoden in den Sozialwissenschaften am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien, eine der Projektleiter*innen der Austrian National Election Study (AUTNES) und stellvertretende Leiterin des Vienna Center for Electoral Research (VieCER).

Hyunjin (Jin) Song ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Mitglied des Vienna Computational Communication Science Lab. Seine aktuelle Forschung konzentriert sich auf die Rolle des zwischenmenschlichen politischen Diskussionsnetzwerks und seine Auswirkungen auf das politische Verhalten, einschließlich der Einstellungen der Wähler*innen und ihrer Wahlbeteiligung, unter Verwendung von computerbasierten Berechnungsmethoden.

Carolina Plescia ist Assistenz-Professorin (tenure-track) am Department of Political and Social Sciences an der University of Bologna. Davor war sie Assistant Professorin am Institut für Staatswissenschaft an der Universität Wien. Sie ist weiterhin als Lektorin und Senior Researcher am Institut für Staatswissenschaft assoziiert.