In kollektiver Einsamkeit? Erste Ergebnisse einer 9-Länder Interview-Studie der Forschungsgruppe Zeitgenössische Solidaritätsstudien an der Uni Wien

Eine multinationale qualitative Studie der Forschungsgruppe Zeitgenössische Solidaritätsstudien am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien untersucht, wie Menschen mit ihrem Alltag und ihrem Schutzbedürfnis während der Corona-Krise umgehen. Die Sorge um Mitmenschen, die flexible Einhaltung von Regierungsvorschriften und der Wunsch nach einem Umbau der Gesellschaft nach Corona standen für die Interviewpartner*innen im Vordergrund.

Von Barbara Prainsack, Katharina Kieslich, Christian Haddad, Katharina T. Paul, Isabella Radhuber, Katharina Riesinger, Gertrude Saxinger, Lukas Schlögl, Wanda Spahl, und Elias Weiss.

Was bedeutet die Corona-Krise für unseren Alltag? Was tun wir, um uns selbst und andere zu schützen? Warum halten sich manche von uns ganz genau an die von der Regierung verordneten Maßnahmen – und warum legen sie andere flexibler aus? Diesen und anderen Fragen geht eine multinationale qualitative Studie nach, die von Barbara Prainsack und Katharina Kieslich an der Universität Wien geleitet wird. Neun Länderteams – an der TU München (DE, deutschsprachige CH), der KU Leuven (BE), der Universität Oxford (UK, FR, IT), am University College Dublin (IE), und der Radboud Universität in Nijmegen (NL) – untersuchen mit Hilfe von narrativen Tiefeninterviews (Welle 1: April 2020; Welle 2: geplant November 2020) Fragen, die sich mit Online-Umfragen nicht ausreichend beantworten lassen.

Die ausführlichen Interviews geben Einblick in die unterschiedlichen Arten, wie Menschen mit der momentanen Situation umgehen und welche Gedanken dahinterstecken. Die Interviews beleuchten damit Aspekte, auf die Umfragen nicht im Detail eingehen können. Damit ergänzen sie Daten die etwa aus der Corona-Panel-Studie gewonnen wurden. So zeigte die Panel Studie etwa, dass Menschen, die ihr eigenes Risiko von COVID-19 betroffen zu sein als gering einschätzen, ihre Wohnung während der Ausgangsbeschränkungen gleich wenig verließen wie jene, die ihr eigenes Risiko als hoch betrachteten. Damit ist noch nicht geklärt, warum das so ist. Lag es daran, dass Menschen Angst vor Bestrafung hatten, oder hatte dies auch andere Gründe? Wie die bisher 80 Interviews des Österreich-Teils der Studie zeigen, ist die wichtigste Motivation zur Selbstbeschränkung der Wunsch, andere Menschen zu schützen.

Über mehrere Länder hinweg sehen wir, dass viele Menschen an jene denken, die es noch schwerer haben als sie selbst: „Ich kann mich nicht beklagen“ hört man besonders in Österreich häufig – sogar von jenen, die ihre Arbeit verloren haben oder in kleinen Wohnungen und mit wenig Geld leben.      

Anzeichen dafür, dass Menschen aufgrund der anhaltenden Einschränkungen zunehmend „krisenmüde“ sind wie es in den Medien in letzter Zeit oft heißt, gab es in den Tiefeninterviews nicht. Das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Eindämmung der Pandemie wird grundsätzlich als sinnvoll erachtet – wie auch die Ergebnisse der Corona-Panel Studie zeigen. Doch unsere Analyse zeigt, dass die Umsetzung in die Praxis immer auch mit persönlichen Auslegungen gefüllt und an die eigenen Lebensumstände angepasst wird. Wenn Menschen die Regeln weit auslegen, um etwa mit Freund*innen oder Verwandten spazieren gehen zu können, tun sie dies häufig, weil der psychische Druck sonst unerträglich wäre. Eltern wollen zudem sicherstellen, dass ihre Kinder ihre engsten Freund*innen ab und zu sehen. Diese Aktivitäten erlauben das Erleben von Selbstbestimmtheit in einer von Einschränkungen geprägten Zeit. Auch verstehen einige Interviewte diese “Regelbrüche” nicht notwendigerweise als solche, sondern erfahren sie als gesundheitlich wichtige Schritte: für alleinlebende Menschen ist dies oft der einzige Ausweg, um Einsamkeit und Isolation zu ertragen. So verhindern sie mögliche Folgebelastungen auf die eigene Gesundheit wie eine verringerte Immunabwehr, psychische Probleme oder vermehrten Alkoholkonsum.

Zugleich finden wir in unseren Daten aus den letzten Tagen vor der behördlichen Lockerung Menschen, die erstmals von “Angstmacherei” der Regierung sprechen – im Gegensatz zur ersten Aprilhälfte, als es Menschen in der Umsetzung sogar half, dass es verpflichtende Vorgaben und nicht nur freiwillige Empfehlungen gab, wie dies etwa in Schweden oder auch zum Teil in den Niederlanden der Fall ist. Der verpflichtende Charakter der Maßnahmen in Österreich fand zunächst breite Unterstützung – nicht zuletzt, weil ab dem 16. März sich vorsichtig verhaltende Menschen ernstgenommen und nicht mehr “verhöhnt” fühlten. Es ist möglich, dass das Aufkommen des Begriffes “Angstmacherei” dadurch zu erklären ist, dass er in den letzten Wochen häufig in politischen Kontroversen vorkam. 

Trotz der prinzipiell hohen Zustimmung zum Maßnahmenpaket stieß die Kommunikation der Regierungsstrategie allerdings auch auf Kritik: Expert*innen hätten zu wenig medialen Raum bekommen, und der Entscheidungsfindungsprozess wurde als intransparent wahrgenommen. Die offiziellen Medien, so argumentierten einige Interviewpartner*innen, würden die offiziellen Zahlen der Regierung zu wenig hinterfragen. Kritisch wurde von den meisten zudem die Idee einer verpflichtenden „Corona-App“ zur Überwachung positiv getesteter Menschen mittels Smartphone bewertet. Befragte gaben zu bedenken, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem der Zugriff anderer auf unsere persönlichen Daten schon sehr weit gediehen ist. Auch wird befürchtet, dass eine engmaschigere digitale Überwachung der Bürger*innen sich nach der akuten Krise wahrscheinlich kaum wieder rückgängig machen lässt. Außerdem herrscht Unsicherheit darüber, ob Schutzmaßnahmen, wie das Tragen von Masken, tatsächlich helfen – auch weil Expert*innen in dieser Frage als uneinig wahrgenommen wurden.

Was soll sich ändern?

Eine wichtige Erkenntnis aus unserer Studie bisher ist, dass der weit überwiegende Teil unserer Interviewpartner*innen sich wünscht, dass es nach Corona nicht so weitergeht wie zuvor: viele erhoffen sich weniger und bewussteren Konsum, mehr Nachhaltigkeit oder mehr Möglichkeiten zu “home office”. Insbesondere möchte man Technologie in Zukunft anders nutzen als vorher. Viele sagen, dass sie zukünftig nicht wieder für ein kurzes Arbeitstreffen, das man auch online abhalten könnte, irgendwo hinfahren wollen. Auch möchte man mit entfernter lebenden Freund*innen und Verwandten öfter videotelefonieren.

Eine Lehre aus unseren bisherigen Ergebnissen könnte also sein, dass Politik und Gesellschaft die zunehmende Digitalisierung des sozialen Lebens auch nach der Krise weiter ausbauen könnten. Dies sollte jedoch auf Freiwilligkeit beruhen. Daten, die zu anderen Zwecken gesammelt werden, sollten nicht für staatliche Überwachung verwendet werden. Eine Studienteilnehmerin sagt: “Ich denke, dass der Staat bereits zu viel Macht über uns hat”.


Barbara Prainsack ist Professorin für Vergleichende Politikfeldanalyse und Leiterin der Forschungsgruppe Zeitgenössische Solidaritätsstudien (CeSCoS) am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

Katharina Kieslich ist Post-Doc Universitätsassistentin für Vergleichende Politikfeldanalyse am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Themen der Gesundheitspolitik. (+Mitglied #CeSCoS)

Christian Haddad ist Senior Researcher am Österreichischen Institut für Internationale Politik und leitet dort den Forschungsschwerpunkt Global Politics of Innovation.

Katharina T. Paul ist Senior Research Fellow und Elise Richter (FWF) Stelleninhaberin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. (+Mitglied #CeSCoS)

Isabella Radhuber ist Post-Doc Solidarity Fellow am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Themen der Demokratisierung, Dekolonisierung und Ressourcenpolitik. (+Mitglied #CeSCoS)

Katharina Riesinger ist studentische Projektmitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. (+Mitglied #CeSCoS)

Gertrude Saxinger leitet eine Forschungsgruppe zu Social and Cultural Systems am Austrian Polar Research Institute (APRI) und ist für diese COIVD-19 Studie #CeSCoS Mitglied.

Lukas Schlögl ist Post-Doc Universitätsassistent für Vergleichende Politikfeldanalyse am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Themen der Technologie-, Industrie- und Arbeitspolitik. (+Mitglied #CeSCoS)

Wanda Spahl ist Universitätsassistentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. In ihrer Dissertation untersucht sie Gesundheitsbedürfnisse von geflüchteten Menschen in Wien. (+Mitglied #CeSCoS)

Elias Weiss ist Studienassistent für Vergleichende Politikfeldanalyse am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und studiert dort im Master’s Studienprogramm. (+Mitglied #CeSCoS)