Amerika geteilt, Österreich geeint: Wie sich parteipolitische Polarisierung in der Corona-Krise ausdrückt

  • Viele Regierungen versuchen in der Corona-Krise, die nationale Einheit zu beschwören. Dies steht im markanten Gegensatz zum Phänomen der politischen Polarisierung, das in vielen westlichen Demokratien in den vergangenen Jahren verstärkt zum Ausdruck kam, was soweit gehen kann, dass Parteianhänger*innen die Realität ganz unterschiedlich wahrnehmen.
  • Umfragedaten aus den Vereinigten Staaten legen nahe, dass die US-amerikanische Bevölkerung in ihren Einschätzungen über die Corona-Krise anhand parteipolitischer Bruchlinien gespalten ist.
  • Vergleichende Analysen für Österreich zeigen dagegen eher kleine Parteiunterschiede in der Gefahrenwahrnehmung durch das Virus, die im Zeitverlauf seit Beginn unserer Messungen weiter an Bedeutung verloren haben.

Von Nico Büttner und Julia Partheymüller

Die Bekämpfung der Corona-Krise hat in den vergangenen Wochen weltweit zu großen Einschränkungen für die Bevölkerungen geführt. Viele Regierungen haben in diesem Zusammenhang versucht, die nationale Einheit zu beschwören: Um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, sei es notwendig, dass alle Bürger*innen eines Landes die Maßnahmen der Regierung einhalten - unabhängig von politischer Ideologie und über Parteigrenzen hinweg. Diese Forderung steht jedoch im starken Gegensatz zum Phänomen der politischen Polarisierung, das in vielen westlichen Demokratien in den vergangenen Jahren verstärkt zum Ausdruck kam. Eine Definition von politischer Polarisierung bezieht sich dabei auf die Idee, dass Parteianhänger*innen im steigenden Maße Anhänger*innen und Eliten anderer Parteien gefühlsgesteuert negativ bewerten. Diese Gefühle können sich auch auf persönliche Wahrnehmungen der Realität, wie z. B. die Gefahr am Coronavirus zu erkranken, übertragen. Wie verhält sich das nun in der Corona-Krise? Vor diesem Hintergrund beleuchten und vergleichen wir das Ausmaß an parteipolitischer Polarisierung in Hinblick auf die Wahrnehmung der gesundheitlichen Gefahren durch das Coronavirus in den USA und in Österreich. Wir greifen dazu auf Daten von Meinungsumfragen aus den USA und Daten des Austrian Corona Panel Projects zurück.

Zur Lage in den USA

Als der US-amerikanische Präsident Donald Trump vor einiger Zeit in einer Pressekonferenz gefragt wurde, wie er die Maßnahmen seiner Regierung zur Bekämpfung des Coronavirus auf einer Skala von 1 bis 10 einschätzt, antwortete dieser: “Ich würde sie mit einer 10 bewerten” - also dem bestmöglichen Wert. Allerdings sieht nicht jeder in den Vereinigten Staaten dies genauso. Die amerikanische Bevölkerung ist in ihrem Urteil gespalten - und zwar im Wesentlichen anhand parteipolitischer Bruchlinien. Über 80 Prozent der Republikaner*innen bewerten die Krisenpolitik ihres Präsidenten konstant positiv, während dies nur 40 Prozent der Unabhängigen[1] und 20 Prozent der Demokrat*innen tun. Dass republikanische Parteianhänger*innen die politischen Maßnahmen der Regierung Trump anders als Demokrat*innen bewerten, ist wenig verwunderlich. Das Phänomen der politischen Polarisierung hat in den USA nicht erst mit der Wahl Trumps zum Präsidenten begonnen und zieht sich sowohl durch die Reihen der politischen Repräsentant*innen als auch durch weite Teile der Bevölkerung. Nicht zuletzt wurde so auch die Debatte um das Coronavirus früh parteipolitisch aufgeladen. So warf Trump noch im Februar den Medien sowie dem parteipolitischen Gegner, den Demokraten, vor, diese würden die zunehmende Verbreitung von Covid-19 bewusst übertrieben darstellen, um ihm bei den im November anstehenden Präsidentschaftswahlen zu schaden.

Abbildung 1: Besorgnis der US-amerikanischen Bevölkerung über das Coronavirus nach parteipolitischen Präferenzen und Altersgruppen für die USA (Grafik: eigene Darstellung basierend auf Code von Andrew Gelman, Daten: Quinnipiac University Poll, 5.-8. März 2020, N = 1261, gewichtet

Unterschiede in der Wahrnehmung der gesundheitlichen Gefahren nach Parteipräferenzen und Alter in den USA

Die parteipolitische Polarisierung prägt dabei auch die Wahrnehmung der gesundheitlichen Gefahren, die vom Coronavirus ausgehen. Ausschlaggebend für einen schweren Verlauf einer Infektion bleiben u.a. das Alter und ob Vorerkrankungen vorliegen. Überraschende Ergebnisse zeigt daher einer Meinungsumfrage der Quinnipiac University auf, welche u.a. durch einen Blogbeitrag des amerikanischen Politikwissenschaftlers und Statistikers Andrew Gelman (Columbia University) in Fachkreisen Verbreitung fanden. Auch die Washington Post griff diese Umfragedaten Mitte März mit folgender Schlagzeile auf: Ältere Amerikaner*innen sorgen sich mehr um das Coronavirus - außer sie sind Republikaner*innen.

Abbildung 1 zeigt die wesentlichen Ergebnisse dieser Meinungsumfrage, nämlich inwieweit sich Amerikaner*innen getrennt nach Parteipräferenzen und Alter Sorgen um eine Infektion mit dem Coronavirus für sich selbst oder für Personen aus ihrem persönlichen Umfeld machen. Anhänger*innen der demokratischen Partei machen sich dabei mit Abstand die größten Sorgen, wobei dies insbesondere für ältere Personen, die zu Risikogruppen zählen, gilt: Beinahe 80 Prozent der Altersgruppe 50+ äußerten in der Umfrage hohe oder mäßige Besorgtheit, während dies unter den 18-49-jährigen Demokrat*innen lediglich um die 55 Prozent taten.[2] Ein ähnlicher Trend lässt sich für Amerikaner*innen feststellen, die nicht eindeutig parteipolitisch gebunden sind. Auch hier verfügen ältere Personen über einen höheren Besorgtheitsgrad (um die 75 Prozent) als jüngere (beinahe 50 Prozent) - jedoch auf einem etwas geringeren Ausgangsniveau als unter Demokrat*innen. Besonders stechen hingegen die Ergebnisse für republikanische Parteianhänger*innen heraus: Diese sind nicht nur insgesamt im Vergleich zu Demokrat*innen und Unabhängigen deutlich weniger besorgt über eine Erkrankung. Selbst die statistisch häufiger betroffenen älteren Republikaner*innen äußern beinahe die gleiche vergleichsweise niedrige Besorgtheit, am Coronavirus zu erkranken, als jüngere Anhänger*innen eben dieser Partei (jeweils um die 35 Prozent).[3] Weitergehende Analysen zeigen, dass sich die wahrgenommene gesundheitliche Gefahr im Laufe der Krise insgesamt erhöhte, insbesondere für Republikaner*innen. Das Muster der parteipolitischen Polarisierung blieb jedoch weitgehend erhalten (siehe Anhang, Abschnitt B).

Zur Lage in Österreich

In Österreich war der politische Diskurs in der Corona-Krise bislang deutlich weniger durch die Parteipolitik aufgeladen. Im Gegensatz zu Trump konnten die gerade frisch gewählten Regierungsparteien agieren, ohne sich unmittelbar einer Wahl ausgesetzt zu sehen. Des Weiteren nahmen sie die Krise bereits frühzeitig sehr ernst. Auch die Opposition trug dabei den Kurs der Regierung in ihren Grundsätzen mit und stimmte im Parlament in der Regel für die Regierungsvorlagen. Bei aller Kritik an Einzelheiten und der schwierigen Abwägung zwischen wirtschaftlichen Schäden und gesundheitlichen Gefahren war die Diskussion bislang durch einen weitgehenden Konsens in Hinblick auf die Ernsthaftigkeit der Lage gekennzeichnet.

Unterschiede in der Wahrnehmung der gesundheitlichen Gefahren nach Parteipräferenzen und Alter in den Österreich

Um herauszufinden, inwieweit auch Österreicher*innen sich in ihrer Wahrnehmung der gesundheitlichen Gefahren durch das Coronavirus anhand von Parteipräferenzen und Alter unterscheiden, haben wir die amerikanischen Ergebnisse aus Abbildung 1 in Abbildung 2 für den österreichischen Fall mittels der Daten des Austrian Corona Panel Projects seit der ersten Erhebung (Welle 1) Ende März für fünf Wochen nachgerechnet.

Abbildung 2: Persönliche gesundheitliche Gefahrenwahrnehmung (in Prozent, zusammengefasst für die Ausprägungen “sehr groß”, ”groß” und ”mäßig”) getrennt nach der Wahlentscheidung bei der Nationalratswahl 2019 und Alter im Zeitverlauf (Daten: Austrian Corona Panel Data, Welle 1: 27.-30. März 2020, N = 1.541; Welle 2: 3.-8. April 2020, N = 1.559; Welle 3: 10.-16. April 2020, N = 1.500; Welle 4: 17.-21. April 2020, N = 1.528; Welle 5: 24.-29. April 2020, N = 1.515; gewichtet)

Das Absinken der Linien von Woche zu Woche in Abbildung 1 zeigt an, dass in Österreich die subjektive Gefahrenwahrnehmung in den letzten Wochen abgenommen hat (siehe dazu auch den Blogbeitrag von Fabian Kalleitner, David W. Schiestl und Bernhard Kittel). Darüber hinaus zeigt sich auch für Österreich, dass mit steigendem Alter die subjektiv-wahrgenommene gesundheitliche Gefahr in der Regel zunimmt. Dies trifft - abgesehen von wenigen eher zufällig erscheinenden Ausnahmen - für alle Parteianhänger*innen in allen Wellen zu. Außerdem ist auch für Österreich ersichtlich, dass unterschiedliche Parteianhänger*innen das Coronavirus als unterschiedlich gefährlich einstufen - jedoch gilt dies nur für jüngere Befragte in den ersten Erhebungen. Dies zeigt sich zum Einen in Abbildung 2 durch die enger werdenden Linien zwischen den Altersgruppen: Die Abstände verringern sich von Woche zu Woche zusehends und die Linien konvergieren. Das bedeutet, dass die Wahrnehmungen der Gefahrenlage durch die verschiedenen Partei- und Altersgruppen sich im Zeitverlauf ähnlicher werden. Zum anderen ergeben weitergehende Analysen, dass sich ab einem Alter von 60 Jahren die Befragten in allen Wellen in ihrer Gefahrenwahrnehmung am Coronavirus zu erkranken statistisch nicht mehr unterscheiden lassen. Ab Welle 3 trifft dies auch für jüngere Personen zu (siehe Anhang).[4]

Fazit

Während sich die subjektive Einschätzungen zur persönlichen Bedrohung durch das Coronavirus in der Frühphase in den USA durch eine ausgeprägte politische Polarisierung ausgezeichnet hat, sind sich die Österreicher*innen unabhängig von ihren parteipolitischen Präferenzen weitestgehend in ihrer Gefahreneinschätzung einig. Letzteres trifft insbesondere für ältere Österreicher*innen zu und im Zeitverlauf nahmen die Parteiunterschiede in Österreich weiter ab. Die  Ergebnisse zeigen über beide Ländern hinweg auch, dass Risikogruppen wie ältere Bürger*innen in der Regel die Gefahrenlage höher einschätzen – lediglich bei US-Republikaner*innen ist dies eher nicht der Fall. Die beobachtete Einigkeit in Österreich über Parteigrenzen hinweg macht daher Hoffnung, dass Österreich im Gegensatz zu anderen Ländern diese Krise mit einem verstärkten Gemeinschaftsgefühl überwinden könnte bzw. die Corona-Krise zu keiner weiteren Polarisierung führen wird.

Anhang


Nico Büttner promoviert und lehrt seit Oktober 2019 am Department of Politics & International Relations der University of Oxford. Zuvor war er mehrere Jahre am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien als Studienassistent für die Austrian National Election Study (AUTNES) tätig. (E-Mail: nico.buettner@politics.ox.ac.uk)

Julia Partheymüller arbeitet als Senior Scientist am Vienna Center for Electoral Research (VieCER) der Universität Wien und ist Mitglied des Projektteams der Austrian National Election Study (AUTNES). Sie promovierte in Sozialwissenschaften an der Universität Mannheim und studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und Universität Hamburg.


Fußnoten

[1] "Independent voters" in den USA bezieht sich auf Personen, die sich als parteipolitisch ungebunden verstehen, d.h., dass sie sich nicht mit den Demokraten oder Republikanern identifizieren oder einer dieser beiden Parteien zuneigen.

[2] Leider stehen können wir basierend auf den öffentlich zugänglichen Daten aus den USA nur Vergleiche zwischen den Altersgruppen 18-49 Jahre sowie 50+ Jahre machen. Um die österreichischen Ergebnisse möglichst gut mit jenen aus den USA zu vergleichen, haben wir diese Aufteilung für die folgenden Analysen übernommen. Genauere Darstellungen für Österreich finden sich im Anhang.

[3] Diese Ergebnisse befinden sich im Einklang mit einer steigenden Anzahl weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen zu ebendiesem Thema. So haben beispielsweise jüngst John M. Barrios (University of Chicago) und Yael Hochberg (Rice University) in einer Studie für das National Bureau of Economic Research herausgefunden, dass in Wahlbezirken, in denen Trump bei den Präsidentschaftswahlen stärker abgeschnitten hat, Bewohner*innen die Corona-Pandemie als weniger gefährlich einstufen, weniger Informationen über das Virus im Internet suchen und sich seltener an die Social Distancing-Vorgaben halten.

[4] Dies mag auch an der relativ geringen Fallzahl an Personen in unserer Stichprobe liegen, die angegeben haben kleineren Parteien gewählt zu haben.