Österreichische Haushalte erwarten nur langsame wirtschaftliche Erholung von der Corona-Krise

  • Nur jeder vierte befragte österreichische Haushalt erwartet eine Verbesserung seiner finanziellen Situation innerhalb der nächsten zwölf Monate. Knapp jeder fünfte rechnet mit einer weiteren Verschlechterung.
  • Die Mehrheit der befragten Haushalte erwartet im selben Zeitraum keinen gesamtwirtschaftlichen Aufschwung. Zwei Drittel erwarten jedoch einen Rückgang der Arbeitslosigkeit.
  • Die kurzfristigen Erwartungen (über einen Zeithorizont von drei Monaten) sind generell pessimistischer als die mittelfristigen Erwartungen (über einen Zeithorizont von zwölf Monaten).

Von Paul Pichler, Philipp Schmidt-Dengler und Christine Zulehner

Erwartungen über die Zukunft spielen eine wichtige Rolle bei wirtschaftlichen Entscheidungen. Blicken Konsument*innen optimistisch in die Zukunft, so erhöhen sie in der Regel ihre Konsumausgaben – und das meist nicht erst morgen, sondern schon heute. Blicken Unternehmer*innen optimistisch in die Zukunft, steigern sie ihre Produktions- und Investitionstätigkeit und schaffen dadurch oft neue Arbeitsplätze. Optimistische Erwartungen haben also sowohl nachfrageseitig als auch angebotsseitig einen positiven Effekt auf die Wirtschaftsleistung. Pessimistische Erwartungen haben den gegenteiligen Effekt: Sie wirken sich negativ auf die Wirtschaftsleistung aus. Um wirtschaftliche Entwicklungen besser einschätzen zu können, ist es daher von großer Bedeutung, die Erwartungen möglichst genau zu beobachten.

Die Corona-Krise hat die wirtschaftliche Situation der meisten Österreicher*innen stark beeinträchtigt. Viele Arbeitnehmer*innen haben ihren Arbeitsplatz verloren oder wurden in Kurzarbeit geschickt (siehe Blog Beitrag vom 11.4.). Vielen Unternehmer*innen ist aufgrund behördlicher Einschränkungen die Erwerbsgrundlage abhandengekommen. Dass die aktuelle Situation für viele Menschen eine enorme finanzielle Herausforderung darstellt, ist daher unbestritten. Doch was erwarten die befragten Haushalte von der Zeit, die jetzt vor ihnen liegt?

Im Rahmen des Austrian Corona Panels der Universität Wien wurden zwischen 10. April und 16. April insgesamt 1.500 Personen – repräsentativ für die österreichische Bevölkerung (ab 14 Jahre) – zu ihren wirtschaftlichen Zukunftserwartungen befragt. Unter anderem wurde erhoben, wie sie ihre eigene finanzielle Situation, die gesamtwirtschaftliche Lage Österreichs und die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt über einen Zeitraum von drei bzw. zwölf Monaten im Vergleich zur momentanen Situation einschätzen. Die Ergebnisse zeigen, dass nur wenige eine Verbesserung ihrer eigenen finanziellen Situation und der gesamtwirtschaftlichen Lage Österreichs im nächsten Jahr erwarten. Vergleichsweise optimistisch sind die befragten Haushalte jedoch was den Arbeitsmarkt betrifft.

Die finanzielle Lage

Abbildung 1: Finanzielle Lage des Haushalts in 3 und 12 Monaten (Quelle: Corona-Panel der Universität Wien, dritte Welle)

Abbildung 1 illustriert, welche Veränderungen die befragten Haushalte bezüglich der eigenen finanziellen Lage erwarten.[1] Mehr als die Hälfte geht davon aus, dass sich die finanzielle Lage in ihrem Haushalt innerhalb der nächsten drei Monate nicht verändert. Lediglich ein Achtel der Befragten erwartet eine Verbesserung, jeder fünfte hingegen eine Verschlechterung. Wenn man berücksichtigt, dass viele von ihnen im Verlauf der Corona-Krise bereits zum Teil erhebliche Einkommenseinbußen hinnehmen mussten (siehe Blog-Beitrag vom 10.4.), ist dies eine durchwegs pessimistische Einschätzung. Etwas optimistischer sind die Befragten hinsichtlich mittelfristiger Entwicklungen: jeder vierte Befragte erwartet, dass seine finanzielle Situation in einem Jahr im Vergleich zu heute besser sein wird.

Unterscheidet man die finanziellen Zukunftserwartungen nach dem Erwerbsstatus des Befragten (unselbständig erwerbstätig, selbständig erwerbstätig, arbeitslos und pensioniert), so lässt sich beobachten, dass vor allem viele selbständig Erwerbstätige eine Veränderung ihrer finanziellen Lage erwarten:[2] Kurzfristig rechnet mehr als ein Drittel mit einer weiteren Verschlechterung, mittelfristig jedoch fast die Hälfte mit einer Verbesserung. Dies legt nahe, dass sich viele Selbständige von den angekündigten Unterstützungs- und Lockerungsmaßnahmen keine kurzfristige Verbesserung ihrer aktuellen finanziellen Situation erwarten, mittelfristig jedoch Chancen einer (zumindest teilweisen) finanziellen Erholung sehen.

Abbildung 2: Wirtschaftliche Lage in 3 und 12 Monaten (Quelle: Corona-Panel der Universität Wien, dritte Welle)

Abbildung 3: Erwarte Arbeitslosenzahlen in 3 und 12 Monaten (Quelle: Corona-Panel der Universität Wien, dritte Welle)

 

Die gesamtwirtschaftliche Lage

Abbildung 2 zeigt die Erwartungen der befragten Haushalte über die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Lage in Österreich. Immerhin jeder fünfte Haushalt erwartet eine Verbesserung, aber mehr als die Hälfte der Befragten befürchtet, dass sich die gesamtwirtschaftliche Lage in diesem Zeitraum noch weiter verschlechtert. Auf Jahressicht sind sich die Befragten uneinig: knapp 40% rechnen mit einer Verbesserung der Konjunktur, aber ebenso viele mit einer weiteren Verschlechterung. Es besteht also eine große Unsicherheit bezüglich der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie.

Der Arbeitsmarkt

Vergleichsweise optimistisch blicken die befragten Haushalte auf den Arbeitsmarkt. Nicht einmal jeder zehnte erwartet einen Anstieg der Arbeitslosenzahl in drei bzw. zwölf Monaten, und nur etwa jeder vierte rechnet mit einer unverändert angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt. Über 60% erwarten hingegen, dass sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt entspannen wird.

Schlussfolgerungen

Unsere Daten zeigen, dass die Bevölkerung nur eine langsame wirtschaftliche Erholung – sowohl für sich selbst als auch für das Land – von der Corona-Krise erwartet. Anstelle des vielerorts erhofften „V“-Szenarios, in dem es nach dem schnellen Absturz auch schnell wieder aufwärts geht, erwarten sie eher eine anhaltende Schwächephase in Form eines „langen U“. Spätere Umfragewellen werden zeigen, ob die Erwartungen im Laufe der Zeit, v.a. aufgrund von weiteren Lockerungsmaßnahmen im wirtschaftlichen Bereich, optimistischer werden. Dies wäre auch aus Sicht der wirtschaftlichen Erholung wünschenswert.

Der Politik kommt dafür eine besondere Aufgabe zu. Die Ankündigung, die österreichische Wirtschaft zu retten, koste es was es wolle, sollte konsequent eingehalten und Unterstützungsmaßnahmen sollten wenn notwendig auch erweitert werden. Dies ist wichtig, um eine durch Einkommensverluste und Pessimismus verursachte Nachfragekrise in Österreich zu vermeiden.

 

 

 

Abbildung 4: Finanzielle Lage des Haushalts nach Erwerbsstatus des Befragten in 3 und 12 Monaten (Quelle: Corona-Panel der Universität Wien, dritte Welle)

Abbildung 5: Wirtschaftliche Lage nach Erwerbsstatus des Befragten in 3 und 12 Monaten (Quelle: Corona-Panel der Universität Wien, dritte Welle).

Abbildung 6: Erwartete Arbeitslosenzahlen nach Erwerbsstatus des Befragten in 3 und 12 Monaten (Quelle: Corona-Panel der Universität Wien, dritte Welle).

Anmerkungen

[1] Die Anteile summieren sich nicht auf 100%, weil ein kleiner Teil der Befragten (ca. 2%) die jeweiligen Fragen nicht beantwortet hat. 

[2] Die entsprechende Abbildung ist im Anhang dieses Blogs verfügbar.


Paul Pichler ist assoziierter Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien.

Philipp Schmidt-Dengler ist Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien.

Christine Zulehner ist Professorin am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien.