Tabak- und Alkoholkonsum in der Corona-Krise

  • Der Alkoholkonsum der Österreicher*innen ist nach eigener Auskunft leicht zurückgegangen
  • Jene, die große Einsamkeit erleben, greifen im Mittel etwas häufiger zu Alkohol als früher
  • Auch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit führen zu leichter Steigerung des Alkoholkonsums
  • Der Tabakkonsum hat sich im Durchschnitt leicht erhöht
  • Besonders Personen in kleinen Haushalten rauchen etwas mehr, jene in größeren Haushalten dagegen weniger als vor der Krise
  • Tendenziell geben jüngere häufiger als ältere Menschen an, nun mehr zu rauchen sowie mehr Alkohol zu trinken
  • Studierende und Schüler*innen trinken und rauchen bedeutend weniger als vor der Krise

Von David W. Schiestl

Die Corona-Krise und die damit einhergehenden Veränderungen im Alltag und im Arbeitsleben verursachen für viele Menschen Stress. Ein häufig befürchtetes Phänomen ist hierbei der verstärkte Griff zu Genussmitteln. In diesem Blogbeitrag beschäftigen wir uns daher mit Veränderungen des Alkohol- und Tabakkonsums der Österreicher*innen.

Alkoholkonsum

Entgegen dieser Vermutung hat sich der Konsum von Alkohol unter den Befragten seit dem Beginn der Krise im Durchschnitt leicht verringert (siehe Abbildung 1). Ein Grund dafür könnte die Schließung von Gaststätten sein – für Manche ist der Alkoholgenuss eine Gruppenaktivität. Obwohl die durch Corona ausgelöste Isolation bei den meisten Menschen also nicht zu höherem Alkoholkonsum geführt hat, weisen manche Gruppen gesteigertes Trinkverhalten auf: Unter denjenigen, die sich besonders einsam fühlen, fällt der Anteil der nun öfter Trinkenden 10% höher als im Durchschnitt aus. Im selben Ausmaß sinkt in dieser Gruppe der Anteil jener, deren Trinkverhalten sich kaum veränderte.

Abbildung 1: Veränderungen des Alkoholkonsums im Vergleich zu vor der Krise (Selbsteinschätzung jener, die Alkohol trinken). Quelle: Austrian Corona Panel Data, Welle 2, Daten gewichtet; N = 946.

Auffallende Abweichungen vom Durchschnitt zeigen sich darüber hinaus bei jüngeren Befragten, bei Personen in Kurzarbeit und bei arbeitslosen Menschen. So ist der Anteil jener, deren Trinkverhalten auf ähnlichem Niveau verblieb, bei unter-30-Jährigen am geringsten. Etwa zwei Fünftel der Teilnehmer*innen zwischen 20 und 30 Jahren trinken nun zwar weniger als zuvor, über ein Viertel in dieser Gruppe gab aber auch höheren Konsum als vor der Krise an. Diese Gruppe tendiert also verglichen mit dem Durchschnitt zu den Extremen. Trotz einiger Medienberichte über studentische Corona-Partys konsumiert aber mehr als die Hälfte der Schüler*innen und Studierenden in unserer Umfrage weniger Alkohol seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen. Allgemein zeigt sich in dieser Ausnahmesituation mit zunehmendem Alter eher sinkendes Trinkverhalten.

Manchmal humorvoll vorgebrachte Vermutungen über steigenden Alkoholkonsum im Home-Office bewahrheiten sich übrigens in unserer Umfrage nicht – diese Gruppe liegt etwa im Durchschnitt aller Befragten. Menschen in Kurzarbeit gaben allerdings zu etwa 5% häufiger als der Durchschnitt an, seit Ausbruch der Krise mehr zu trinken. Unter arbeitslosen Personen berichtet gut ein Viertel einen Anstieg – das sind etwa 7% mehr als im Durchschnitt. Doch auch in diesen Gruppen meint jeweils knapp die Hälfte, ihr Trinkverhalten hätte sich kaum verändert.

Tabakkonsum

Ein anderes Bild zeichnen die Antworten auf unsere Frage nach der Veränderung des Tabakkonsums: Dieser hat sich in der Krise insgesamt erhöht (siehe Abbildung 2). Eine Ausnahme stellen dabei Menschen in größeren Haushalten von fünf Personen oder mehr dar – sie beschreiben im Mittel einen Rückgang ihres Rauchverhaltens. Dies könnte auf fehlende Rauch-Gelegenheiten hinweisen, oder in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen auch an einer Rücksichtnahme auf andere Personen im Haushalt liegen.

Abbildung 2: Veränderungen des Tabakkonsums im Vergleich zu vor der Krise (Selbsteinschätzung von Raucher*innen). Quelle: Austrian Corona Panel Data, Welle 2, Daten gewichtet; N = 457.

Menschen in kleineren Haushalten neigen dagegen eher dazu, gleich viel oder mehr zu rauchen. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Rauchen als Ersatzhandlung für fehlende Kontakte oder auch zur Stressbewältigung dient. Auch Personen in Kurzarbeit, im Abbau von Zeitausgleich und Urlaub, im Home-Office sowie arbeitslose Menschen gaben häufiger als der Durchschnitt an, nun mehr zu rauchen. Hier lässt sich vermuten, dass besonders jene im Home-Office nun mehr Gelegenheit haben, zur Zigarette zu greifen: Mussten sie hierfür früher meist ihren Arbeitsplatz verlassen und vor die Türe oder auf den Balkon gehen, so können sich viele diesen Weg nun sparen. Befragte unter 20 berichten besonders oft von Veränderungen ihres Rauchverhaltens in beide Richtungen.

Tendenziell steigerten jüngere Teilnehmer*innen ihren Tabakkonsum also häufiger als der Durchschnitt: Die Gruppe der unter-40-Jährigen weist hohe Zunahmen auf. Interessanterweise zeigt sich ein ähnlicher Anstieg bei 50- bis 60-Jährigen, während andere Altersgruppen in ihrem Rauchverhalten durchschnittlich wenig Veränderungen oder verstärkt Rückgänge aufweisen. Auch Studierende und Schüler*innen berichten erneut von starken Abnahmen in ihrem Tabakkonsum – etwa zwei Drittel in dieser Gruppe gaben an, nun weniger zu rauchen. Hier könnte sich ein Hinweis auf Gruppendruck verbergen: Wenn viele im Umfeld rauchen, steigt die Versuchung, selbst zur Zigarette zu greifen. Ein Zusammenhang mit der Praxis, gerade in Verbindung mit (dem nun seltener konsumierten) Alkohol zu rauchen, wäre ebenfalls denkbar: Auch Partyraucher*innen fehlen die gewohnten Gelegenheiten. Unter den Jüngsten lässt sich außerdem vermuten, dass durch die Ausgangsbeschränkungen elterliche Überwachungsmöglichkeiten zugenommen haben, was dem Rauchen zusätzlich entgegenwirken könnte.


 

David W. Schiestl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftssoziologie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeitsmarkt, Migration, Sozialpsychologie und Organisation.