Von Kurzarbeit und Kündigungen sind sozial schwächere Personen am meisten betroffen: Die Arbeitssituation der Österreicher*innen seit der Corona-Krise

  • Nur für ein Viertel der unselbständig Erwerbstätigen hat sich seit dem Beginn der COVID-19 Maßnahmen in ihrer Arbeitssituation nichts verändert.
  • Die Auswirkungen hängen stark vom Ausbildungsgrad und Einkommen ab.
  • Arbeitnehmer*innen mit Pflichtschulabschluss sind am stärksten von Kurzarbeit und Kündigungen betroffen.
  • Die veränderte Arbeitssituation trifft Frauen und Männer ähnlich.

Von Paul Pichler, Philipp Schmidt-Dengler und Christine Zulehner

Wir untersuchen wie sich die Arbeitssituation von unselbständig Erwerbstätige in Österreich seit Beginn der COVID-19 Maßnahmen verändert hat. Der Blog-Eintrag vom 6.4. befasste sich bereits damit, wie sich die Arbeitssituation in unterschiedlichen Sektoren verändert hat. Wir gehen hier näher auf Unterschiede nach Bildung, Geschlecht, und Einkommen ein. Unsere Analyse konzentriert sich auf jene Menschen, die im Februar noch einer unselbständigen Tätigkeit nachgegangen waren. Nur rund ein Viertel dieser Befragten gibt an, dass sich die Arbeitssituation seit Beginn der Krise für sie nicht verändert hat.

Abbildung 1: Änderung der Arbeitssituation nach Bildung (Quelle: Austrian Corona Panel Data der Universität Wien, erste Welle, mit W1_WEIGHTD gewichtete Daten.)

Abbildung 2: Änderung der Arbeitssituation nach Geschlecht (Quelle: Austrian Corona-Panel Data der Universität Wien, erste Welle, mit W1_WEIGHTD gewichtete Daten.)

Abbildung 3: Änderung der Arbeitssituation nach Einkommen (Quelle: Austrian Corona Panel Data der Universität Wien, erste Welle, mit W1_WEIGHTD gewichtete Daten.)

Rolle der Bildung

Krisen treffen in der Regel unterschiedlich ausgebildete Arbeitnehmer*innen in unterschiedlichem Ausmaß. Dies zeigt auch die erste Welle der Panel-Umfrage zur Corona-Krise. Abbildung 1 illustriert die Veränderung der Arbeitssituation jener Personen, die im Februar 2020 (also vor Ausbruch der Corona-Krise) unselbständig beschäftigt waren.[1] Die Abbildung unterscheidet nach Ausbildungsgrad zwischen Pflichtschulabschluss, Lehre, Matura und Universitätsabschluss. Während mehr als die Hälfte aller Beschäftigten mit Matura oder Universitätsabschluss im Home-Office arbeiten, ist das nicht einmal für ein*e von sieben Arbeitnehmer*innen mit Pflichtschulabschluss der Fall.[2] Zugleich war jede*r siebente Arbeitnehmer*in im letzten Monat von einer Kündigung betroffen, während Arbeitnehmer*innen mit höherer Ausbildung davon bisher meist verschont blieben. Auch wurden Arbeitnehmer*innen in der niedrigsten Ausbildungsstufe (Pflichtschule) mehr als doppelt so oft in Kurzarbeit geschickt als Arbeitnehmer*innen der höchsten Ausbildungsstufe (Universität).

Kaum sichtbare Geschlechterunterschiede 

Abbildung 2 zeigt, dass es kaum statistische Unterschiede in der Änderung der Arbeitssituation von männlichen und weiblichen Beschäftigten gab. Der etwas höhere Home-Office Anteil unter Frauen ist vermutlich hauptsächlich auf die im Schnitt wesentlich höhere Ausbildung berufstätiger Frauen zurückzuführen.

Bedeutung von Einkommensunterschieden

Ein ähnliches Bild wie bei der Bildung ergibt sich bei Betrachtung des Nettoeinkommens (Abbildung 3). Je höher das Einkommen, desto eher ist Arbeit im Home-Office der Fall. Kurzarbeit ist umso unwahrscheinlicher, je höher das Einkommen ist. Bei Urlaubsabbau beziehungsweise Zeitausgleich und Kündigung sind alle Einkommensgruppen ähnlich betroffen.

Erste Schlussfolgerungen 

Unsere Daten zeigen, dass insbesondere einkommensschwache und bildungsferne Gruppen von Kurzarbeit betroffen sind. Letztere sind gleichzeitig am stärksten von Kündigungen betroffen. Spätere Umfragewellen werden zeigen, ob auch die besser situierten Gruppen im Lauf der Krise mehr von Kurzarbeit und Kündigungen betroffen sein werden, beziehungsweise welche Gruppen schneller in den bisherigen Arbeitsalltag zurückfinden.

Bedenklich scheint der negative Zusammenhang zwischen Bildung beziehungsweise Einkommen und Home-Office Tätigkeit in Anbetracht der fortdauernden Schließung von Schulen. Er legt nahe, dass bereits bestehende sozioökonomische Unterschiede in der Bildung durch Ausfall des Schulunterrichts verstärkt werden könnten.


Paul Pichler ist assoziierter Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien.

Philipp Schmidt-Dengler ist Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien.

Christine Zulehner ist Professorin am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien.


Anmerkungen

[1] Da Mehrfachangaben möglich sind, kann die Summe aus aller Anteile mehr als 100% ergeben. Zum Beispiel arbeiten viele Arbeitnehmer*innen im Home Office, sind aber gleichzeitig auch in Kurzarbeit beziehungsweise bauen Urlaub ab.

[2] Schätzungen für die USA besagen, dass 34 Prozent aller Tätigkeiten zu Hause erledigt werden können. Auch hier wird betont, wie stark diese Möglichkeit sowohl regional als auch über Sektoren stark variiert. Siehe Dingel, J., & Neiman, B. (2020). How Many Jobs Can be Done at Home?, Covid Economics Vetted and Real-Time Papers, 1, 3 April.