Silberstein und Kern – Hat der Skandal der SPÖ geschadet?

13.03.2018

 

Die weit verbreitete Annahme, dass die Silberstein-Affäre die SPÖ schwer getroffen hat, wird von den Daten des Online-Panel der österreichischen Wahlstudie nicht gestützt. Im Gegenteil scheint die SPÖ in den letzten Wochen noch einige Sympathisanten und Sympathisantinnen der kleinen Parteien überzeugt zu haben

Von:         Nicolai Berk und Markus Wagner

 

 

Wie hat die Causa Silberstein die Wahlentscheidung beeinflusst?

 

Der Endspurt im Wahlkampf war thematisch vor allem durch die Affäre um Tal Silberstein und das Negative Campaigning der SPÖ gegenüber Sebastian Kurz geprägt. Medial war von einem „Desaster“ und „Super-GAU“ für die SPÖ die Rede. Die vorherrschende Meinung der Experten: die SPÖ würde am Wahltag abgestraft werden.

Die Auswertung von Google-Trend-Daten veranschaulicht, dass die Affäre tatsächlich zwei Wochen vor dem Wahlkampf das bestimmende Thema war, dann aber bis zum Wahltag zunehmend in den Hintergrund rückte (Abbildung 1).

Fraglich ist, ob Wähler und Wählerinnen in ähnlich großem Ausmaß beeinflusst wurden, wie es die mediale Aufmerksamkeit vermuten lässt. Um den Einfluss der ‚Causa Silberstein‘ auf die Wahlentscheidung nachzuvollziehen, können wir Daten aus dem Online-Panel der österreichischen Wahlstudie (AUTNES) heranziehen. In sechs Wellen wurden jeweils mindestens 3.000 Personen befragt - vor und im Wahlkampf, direkt vor der Wahl, direkt nach der Wahl und in einer letzten Welle zwei Monate nach der Wahl.

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen wurden in der letzten Befragung vor der Wahl gebeten, ihre Eindrücke zu den Spitzenkandidaten von SPÖ, ÖVP und FPÖ im Hinblick auf die letzten Wochen des Wahlkampfs schriftlich wiederzugeben. Die Auswertung der Antworten zu Christian Kern zeigt, wie stark der ehemalige Bundeskanzler mit der Affäre verknüpft wurde: das alles überschattende Thema war Silberstein. Neben einigen wenigen positiven Assoziationen fallen Begriffe wie „Skandal“, „Affäre“, „Dirty“ und „Facebook“ auf (Abbildung 2).

In der Erhebung kurz nach der Wahl haben wir dann unseren Panelteilnehmer und -teilnehmerinnen einige Fragen zur Silberstein-Affäre gestellt. Unter anderem wurden sie gefragt, wie gut SPÖ und ÖVP mit der Thematik umgegangen sind. Die Antworten unterschieden sich deutlich für die beiden Parteien. Während 70% der Befragten überzeugt waren, dass die SPÖ in dieser Affäre „eher falsch“ oder „völlig falsch“ gehandelt habe, stellten nur etwa 35% der ÖVP ein solches Zeugnis aus (Abbildung 3).

Das Bild der SPÖ und ihres Parteichefs wurde in der Endphase des Wahlkampfs stark durch das Thema Silberstein geprägt. Dabei hat die Partei einen äußerst schlechten Eindruck hinterlassen. Es ist also nachvollziehbar, dass viele politische Kommentatoren und Kommentatorinnen zu dem Schluss kamen, dass die SPÖ aufgrund der ‚Causa Silberstein‘ politischen Schiffbruch erleiden könnte.

Auch die Wähler und Wählerinnen sahen eindeutige Profiteure dieser Affäre. Auf die Frage „Cui bono?“ – also wem die Affäre genützt hat – nannten von 3.036 Befragten ca. 35% die ÖVP und die FPÖ und immerhin 13,3% die Liste Pilz. Es scheint, dass die Wähler und Wählerinnen einen klaren Effekt der Affäre wahrnahmen (Abbildung 4).

Dennoch war der Einfluss der Causa Silberstein wohl gering. So deuten Analysen des Instituts für Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien an, dass die Facebook-Reaktionen von Nutzern und Nutzerinnen nicht beeinflusst wurden. Auch die Daten des AUTNES-Online Panels deuten in diese Richtung: Auf die Frage, ob die Affäre die Wahlentscheidung beeinträchtigt habe, antworteten über 80% der Befragten, dass ihre Wahlentscheidung dadurch nicht beeinflusst wurde. 14% gaben an, dass Sie in Folge der Affäre auf Ihrer ursprünglichen Entscheidung beharrten. Nicht einmal 5% sagten, sich anders entschieden zu haben. Ein Drittel von diesen Befragten gab an, in Folge nicht gewählt zu haben (Abbildung 5). Trotz der medialen Omnipräsenz des Themas scheint der Effekt auf die Wahlentscheidung also recht schwach gewesen zu sein (dieses Argument wird auch hier von unserem Kollegen Laurenz Ennser-Jedenastik gemacht).

Hilfreicher als diese Selbsteinschätzungen ist ein Vergleich der Wahlintention vor der Affäre mit der tatsächlichen Wahlentscheidung. Anhand unserer Daten können wir feststellen, welche Partei in den letzten Wochen des Wahlkampfs die meisten Sympathisanten anderer Parteien hinzugewann und welche Parteien die meisten potenziellen Stimmen verloren.

Entgegen der Annahme, die SPÖ müsse in Folge der Causa Silberstein die schwersten Verluste hinnehmen, war die SPÖ diejenige Partei, die die Anhänger von Anfang September am besten bei sich hielt. Zusätzlich schaffte es die Partei, potenzielle Wähler der Grünen, der Liste Pilz, der NEOS und von anderen Parteien von sich zu überzeugen. Es scheint die Partei habe – entgegen der einhelligen Meinung politischer Beobachter - einen eindeutig erfolgreichen Schlussspurt hingelegt.

Allgemeiner kann man festhalten, dass die drei großen Parteien von den letzten Wochen des Wahlkampfs profitierten, während die kleinen Parteien große Verluste hinnehmen mussten. Lediglich die Liste Kurz hat im letzten Monat wohl noch ein paar Wähler und Wählerinnen an SPÖ und FPÖ abgegeben. Die Daten deuten auch darauf hin, dass neben der Gründung der Liste Pilz auch die Abwanderung zur SPÖ eine bedeutende Rolle für die Verluste der Grünen gespielt hat. Immerhin 19% derjenigen, die im September angaben, Grüne wählen zu wollen, wählten letztendlich SPÖ (Abbildung 6).

Schlussendlich lässt sich zusammenfassen, dass einige populäre Annahmen von unseren Daten in Frage gestellt werden: so war die SPÖ nicht große Verliererin der letzten Wochen des Wahlkampfes, sondern, im Gegenteil, vielmehr größte Gewinnerin. Verlierer waren vor allem die kleinen Parteien – aber auch Sebastian Kurz wäre vier Wochen vor der Wahl eventuell noch ein wenig besser weggekommen. Vor allem aber lässt sich der Effekt der Silberstein-Affäre auf die Wahlentscheidung nicht wirklich sichtbar machen, trotz des medialen Wirbels, den diese Ereignisse verursachten und obwohl Wähler und Wählerinnen annahmen, dass Andere in ihrer Wahlentscheidung beeinflusst wurden.

 

Nicolai Berk ist Studienassistent am Institut für Staatswissenschaft und Student der Politikwissenschaft im Bachelor an der Universität Wien. Sein Interesse gilt dem Parteienwettbewerb, den quantitativen Methoden sowie der politischen Ökonomie. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Studienassistent war er an der Aufbereitung der Daten des Online-Panels der österreichischen Wahlstudie (AUTNES) beteiligt.

Markus Wagner ist Professor für Quantitative Parteien- und Wahlforschung am Institut für Staatswissenschaft. Er forscht hauptsächlich zu der Rolle von politischen Themen und Ideologien im Parteienwettbewerb und in der Wahlentscheidung. Ein weiteres Forschungsinteresse betrifft die Erwartungen von Wählern an ihre Abgeordnete. Sein CV und eine Liste seiner Publikation sind auf homepage.univie.ac.at/markus.wagner/ zu finden. Er ist zudem Teil des Teams der österreichischen Wahlstudie (www.autnes.at). Sein Doktorat hat er 2009 an der London School of Economics abgeschlossen.


Abbildung 1: Google-Trend-Daten der Themen "Sebastian Kurz", "Christian Kern", "Heinz-Christian Strache" und des Suchbegriffs "Silberstein" vom 18.9.-14.10.2017 in Österreich, abrufbar unter trends.google.de, 100%=maximale Anzahl der Suchanfragen an einen Tag im angegebenen Zeitraum (über alle Begriffe hinweg)
Abbildung 2: "An was erinnern Sie sich besonders, wenn Sie an Christian Kern denken? Bitte notieren Sie, was Ihnen spontan einfällt!", n = 4336,Welle 4: Erhebung 2.-13.10.17
Abbildung 3: n = 2005, Welle 5: Erhebung 17.-27.10.17, gewichtet nach sozio-demographischen und politischen Indikatoren
Abbildung 4: n = 3036, Welle 5:Erhebung 17.-27.10.17, gewichtet nach sozio-demographischen und politischen Indikatoren
Abbildung 5: n = 2349, Welle 5: Erhebung 17.-27.10.17, gewichtet nach sozio-demographischen und politischen Indikatoren
Abbildung 6: n = 1475, Zeilenprozent angegeben, Welle 3 und 5: Erhebung 30.8. – 14.9.17 und 17.-27.10.17, gewichtet nach sozio-demographischen und politischen Indikatoren