Frauen in politischen Führungspositionen: ein Blick über den Tellerrand

25.09.2018

 

Die Frage nach Frauen in der Politik hat in den letzten Tagen wieder starken medialen Aufschwung erhalten. Mittlerweile sind drei von fünf Parteien im österreichischen Nationalrat unter der Führung von Frauen, und ein Koalitionspartner dieser Bundesregierung (ÖVP) hat sich im Vorfeld des Wahlkampfs als auch währenddessen das Ziel gesetzt, Frauen stärker in politische Funktionen zu heben. Dementsprechend ist der Anteil weiblicher Abgeordneter im ÖVP-Parlamentsklub von 26 auf 36 Prozent gestiegen. Sind Frauen also in politischen Führungspositionen auf dem Vormarsch? Dazu schauen wir uns neben der Frauenverteilung auf der Parlaments- und Regierungsebene auch den politisch-administrativen Bereich an. Gibt es dort auch ein Bekenntnis zur Frauenförderung beziehungsweise zur Notwendigkeit Frauen in politisch-administrative Spitzenpositionen zu bringen?

Von: Sylvia Kritzinger (Universität Wien) und Katrin Praprotnik (Donau Universität Krems)

 

Beginnen wir mit der Situation auf der Parlaments- und Regierungsebene. Insgesamt sitzen derzeit 65 Frauen im Nationalrat. Das entspricht einem Anteil von knapp 36 Prozent und einem kleinen Anstieg von rund einem Prozentpunkt im Vergleich zur vergangenen Legislaturperiode 2013-2017. Der Frauenanteil variiert dabei zwischen den einzelnen Klubs beachtlich: Während bei den Regierungsparteien – die FPÖ hält bei 24 Prozent – ein geringerer Anteil an weiblichen Abgeordneten im Hohen Haus sitzt, sind es bei den Oppositionsparteien SPÖ (46%), Neos (40%) und Liste Pilz (43%) deutlich mehr. Auf der Ebene der MinisterInnen besteht ebenfalls ein Überhang an männlichen Kollegen, da nur 36 Prozent der Regierungsämter an Frauen vergeben wurden (3 Ministerinnen bei der ÖVP und 2 bei der FPÖ). Zusätzlich stellt die ÖVP einen weiblichen und die FPÖ einen männlichen Staatssekretär.

In Anbetracht dieser Zahlen lässt sich erkennen, dass Frauen durchaus in der ersten Reihe der Politik angekommen sind, wenn sie auch im Vergleich ihrer männlichen Kollegen immer noch in der Unterzahl sind. Doch wichtige politische Ämter gibt es nicht nur auf Parlaments- und Regierungsebene, sondern auch im Bereich der tagtäglichen Politikdurchführung. Dabei handelt es sich um Positionen, die zwar stark politisch geprägt sind und politische Macht ausüben können, aber nicht von den WählerInnen gewählt wurden und auch weniger stark in der Öffentlichkeit stehen. Wie sieht die Situation in der weiteren Führungsebene der Ministerien, also bei den KabinettschefInnen, den GeneralsekretärInnen und den SektionschefInnen dieses Landes aus?

Die Abbildung beantwortet diese Frage und stellt die bislang besprochenen politischen Funktionen gegenüber. Die Informationen wurden anhand der Websites des Parlaments, des Bundeskanzleramts sowie der einzelnen Ministerien und hier insbesondere der vor dem Sommer aktualisierten Organigramme zusammengetragen. Die Ergebnisse weichen zum Teil deutlich von jenen der Parlaments- und Regierungsebene ab. Jeweils nur 8 Prozent der Positionen der GeneralsekretärInnen und KabinettschefInnen sind aktuell an Frauen vergeben. Bei insgesamt 12 GeneralsekretärInnen installierte nur die FPÖ eine Frau in dieser Spitzenposition. Bei den 13 KabinettschefInnen ist es ebenfalls nur eine Frau, die in einem ÖVP-Ministerium die Verantwortung trägt. Im Finanz- und im Wirtschaftsministerium werden diese beiden Posten übrigens in Personalunion ausgeübt. Nur auf der Ebene der SektionschefInnen zeigt der Anteil von 36 Prozent zwar kein ausgeglichenes, aber ein mit den BundesministerInnen und Nationalratsabgeordneten identes Ergebnis. Hier liegt der Anteil an weiblichen Führungskräften in FPÖ-Ministerien über jenem des Koalitionspartners: Bei der ÖVP sind 29 Prozent der SektionschefInnen weiblich, bei der FPÖ sind es 44 Prozent.

Soweit die Faktenlage. Doch was bedeuten diese Zahlen und warum ist es überhaupt wichtig, dass eine ausgewogene Repräsentation von Frauen und Männern in der Politik und der tagtäglichen Politikdurchführung gegeben ist? Unter dem Gesichtspunkt einer deskriptiven Repräsentation wäre es zunächst wünschenswert, wenn politische Funktions- und Entscheidungsträger die Bevölkerung demographisch abbilden würden, um die verschiedenen Gesichtspunkte in Entscheidungsprozesse einfließen lassen zu können. Diesem Ansatz der deskriptiven Repräsentation werden zwar weder die Parlaments- noch Regierungsebene vollständig gerecht, aber vor allem im politisch-administrativen Bereich ist die Abweichung enorm. Das Ziel Frauen zu stärken, sollte somit auch in politischen Sphären angegangen und umgesetzt werden, die weniger öffentlich aber politisch bedeutend sind. Bei der Besetzung von politisch-administrativen Positionen gilt es also dieses Bewusstsein noch zu stärken bzw. zu verankern. Wünschenswert wäre es demnach gewesen, wenn v.a. im Bereich der KabinettschefInnen und GeneralsekretärInnen eine annähernde Parität der Geschlechter von Seiten der Regierungsparteien angestrebt worden wäre. Das Augenmerk auf Frauenanteile im politischen Bereich sollte über die enge Definition des Politischen hinausgehen und weite Bereiche umfassen. So gesehen gibt es v.a. im politisch-administrativen Bereich noch reichlich Aufholbedarf. Von einer Stärkung der Frauen kann somit wohl erst gesprochen werden, wenn auch hier Taten gesetzt werden. Für diese Legislaturperiode scheinen die Würfel bezüglich Frauenanteilen aber fürs Erste gefallen zu sein.

 

Links:

Frauenanteil im Parlament https://www.parlament.gv.at/SERV/STAT/PERSSTAT/FRAUENANTEIL/entwicklung_frauenanteil_NR.shtml

 

Dieser Blog-Beitrag erscheint auch im Blog des Austrian Democracy Lab

 

Sylvia Kritzinger ist Universitätsprofessorin für Methoden in den Sozialwissenschaften am Institut für Staatswissenschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen politisches Verhalten, Wahlforschung, demokratische Repräsentation, politische Teilnahme und quantitative Methoden. Sie ist eine der Projektleiterinnen der 'Austrian National Election Study' (AUTNES), verantwortlich für 'the Demand Side - Wahlverhalten' und stellvertretende Leiterin des Vienna Center for Electoral Research.

Katrin Praprotnik ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Krems. Zuvor war sie als Post-Doc im Fachbereich Politikwissenschaft an der Universität Hamburg beschäftigt. Ihre wissenschaftliche Laufbahn hat sie als Universitätsassistentin am Institut für Staatswissenschaft an der Universität Wien begonnen und in dieser Zeit im Team der Österreichischen Nationalen Wahlstudie (AUTNES) sowie in dem Projekt Legislative Reformen und Parteienwettbewerb mitgewirkt. Sie forscht zu den Themen politische Repräsentation, Wahlbeteiligung sowie Entstehung und Etablierung neuer Parteien in Europa.

Abbildung: Frauenanteil in wesentlichen politischen Funktionen. Anmerkung: Die Daten entsprechen dem Stand am 24. September 2018. Für das Bundesministerium für Landesverteidigung konnten keine Daten zu Kabinetts- und SektionschefInnen erhoben werden. Grafik: Katrin Praprotnik. Quelle: Homepages des Parlaments, des Bundeskanzleramts sowie der jeweiligen Bundesministerien