27.06.2020

Die Zukunft der Arbeit nach Corona: Österreicher*innen blicken mit Sorge in die technologische Zukunft

  • 44% der Befragten stimmen zumindest “eher” der Aussage zu, dass Roboter oder künstliche Intelligenz (KI) den Menschen die Arbeit wegnehmen. 15% stimmen eher oder gar nicht zu. Nur knappe 7% der Befragten sind allerdings der Meinung, dass ihr eigener, derzeitiger Job in der Zukunft größtenteils oder vollständig von einem Roboter oder KI übernommen werden könnte.
  • Unter den Wähler*innen der FPÖ ist starke Sorge über technologische Arbeitsmarktverdrängung - unabhängig von Bildungsstand, Alter, Einkommen und Geschlecht - besonders verbreitet. Die Hälfte dieser Wähler*innen stimmen “sehr” oder “eher” zu, dass Roboter uns die Jobs wegnehmen. Unter Grünwähler*innen ist die Zustimmung am niedrigsten. Ein ähnliches Muster ist bei der Frage zu sehen, wie wohl sich Menschen dabei fühlen würden, von einem Roboter bei der Arbeit unterstützt zu werden.
  • Die erhöhte Technologieskepsis im politischen Spektrum rechts der Mitte könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass WählerInnen der FPÖ in Branchen tätig sind, die stärker von Automatisierung betroffen sind. Hier ist also nicht die Wahlentscheidung für die FPÖ ursächlich für Technologieskepsis, sondern: Je weniger Menschen im beruflichen Alltag mit neuen Technologien zu tun haben und je mehr sie ihre eigene Arbeit für automatisierbar halten, desto höher die Technologie-Skepsis und die Neigung, FPÖ zu wählen.

Von Lukas Schlögl und Barbara Prainsack

Wann haben Sie zum letzten Mal online essen bestellt? Und wann die letzte Teamsitzung via Zoom hinter sich gebracht? Nutzen Sie bereits Ihr Smartphone zum digitalen “Contact Tracing”? Vom digitalen Homeoffice über Corona-Apps bis zum Online-Einkauf -- die Covid-19 Krise bringt technologischen Wandel und verändert damit unsere Gesellschaft. In der Arbeitswelt ist die Beschleunigung von Trends wie Digitalisierung, Telearbeit und Gig Economy besonders deutlich. Welche sozialen und politischen Auswirkungen sind daraus zu erwarten?

Die Arbeitsmarktforschung zeichnet ein differenziertes Bild des technologischen Fortschritts: Obwohl sich technologischer Wandel in Summe meist positiv auf den Lebensstandard in einem Land auswirkt, produziert er auch Verlierer*innen in spezifischen Branchen, sozialen Gruppen und geografischen Regionen. So sind etwa Menschen in Sektoren, in denen Arbeitsabläufe vorhersehbar sind und bestimmten Routinen folgen, in größerem Ausmaß von Jobverlusten bedroht. Zudem haben Studien gezeigt, dass Arbeitsplätze, die in konjunkturschwachen Zeiten z.B. durch Automatisierung verloren gehen, in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs nicht wieder zurückkommen -- ein Phänomen, das als “jobless recovery” bezeichnet wird. Solche Prozesse haben häufig auch politische Konsequenzen: So argumentiert Wirtschaftshistoriker C.B. Frey etwa in seinem neuen Buch, dass die zunehmend durch Maschinen ersetzte und von Abstiegsängsten betroffene Industriemittelschicht in den USA gar maßgeblich zum den Wahlsieg von Donald Trump beigetragen habe. Frustration über die Folgen der Automatisierung auf Löhne und Erwerbschancen sei, so Frey, in eine politische Bewegung gegen Globalisierung und Immigration kanalisiert worden.

Ist ein solches Szenario auch in Österreich denkbar? Wie sehen die Österreicher*innen neue Technologien? Im Rahmen des Austrian Corona Panel wurde eine repräsentative Stichprobe der österreichischen Wohnbevölkerung zu unterschiedlichen Aspekten neuer Technologien befragt.

Technologie-Skepsis und Sozialstruktur

So wurden die Studienteilnehmer*innen etwa gefragt, wie sie zur Aussage stehen, dass Roboter oder künstliche Intelligenz (KI) Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen (siehe Abbildung 1). Für über 81% der Befragten trifft diese Aussage zumindest “teils-teils” zu. Nur etwa 15% stimmen eher oder gar nicht zu. Diese Ergebnisse fügen sich in ein Bild, nach dem Österreich zu den am meisten technolgieskeptischen Länder Europas gehört. Die Frage nach den Arbeitsplatzeffekten von Robotern wurde in ähnlicher Form auch bereits in der Eurobarometer-Studie gestellt, die dazu ländervergleichende Daten gesammelt hat.

Abbildung 1: Zustimmung zur Aussage “Roboter/KI nehmen Menschen Arbeitsplätze weg”

Mit welchen Merkmalen korreliert Technologieskepsis in der Bevölkerung? Abbildung 2 zeigt, wie sozio-demografische Merkmale mit Technologieskepsis zusammenhängen. Frauen, ältere Befragte und Personen mit niedrigem Haushaltseinkommen sind im Schnitt geringfügig skeptischer, allerdings sind diese Faktoren nicht signifikant (p>0.05). Der Bildungsstand zeigt eine moderate, signifikante Korrelation mit dem Grad an Technologieskepsis (p<0.01). Ein um einen Schritt höherer Bildungsstand auf der 10-stelligen Bildungsskala der Umfrage (z.B. Matura statt Lehre oder Master statt Bachelor) korrespondiert mit einem um 0.8 Punkte geringeren Wert auf der 5-stelligen Skala der Technik-Skepsis (z.B. “Trifft eher zu” anstelle von “Trifft voll und ganz zu”).

Abbildung 2: Technologieskepsis nach sozialstrukturellen Merkmalen

Abbildung 2a: Geschlecht

Abbildung 2b: Alter (Geburtsjahrgang ab…)

Abbildung 2c: Bildungsstand

Abbildung 2d: Haushaltseinkommen (Feb 2020)

Technologie-Skepsis und Wahlverhalten

Das Antwortverhalten in unserer Umfrage zeigt neben der Korrelation mit dem Bildungsstand ein auffälliges politisches Muster (siehe Abbildung 3). 30% jener Befragten, die angeben, bei den Nationalratswahlen 2019 die FPÖ gewählt zu haben, stimmen der Aussage, Roboter und KI nehmen Menschen Arbeit weg, “sehr” zu -- der höchste Wert unter allen Parteien. Etwa ebenso viele FPÖ-Wähler*innen stimmen “sehr” zu, dass Roboter und KI die Jobs von Personen mit geringem Einkommen gefährden. Dagegen sind nur etwa 10% bei Wähler*innen der Grünen sehr dieser Meinung. In Summe stimmen mehr als die Hälfte der FPÖ-Wähler*innen zumindest “eher” der Aussage zu, dass Roboter uns die Jobs wegnehmen. Den Anteil “teils-teils” eingerechnet, sind Wähler*innen der SPÖ in Summe zwar etwas skeptischer, allerdings ist bei diesen die starke Technologieskepsis deutlich weniger anzutreffen.

Ähnlich verhält es sich mit der Frage, wie wohl sich Befragte dabei fühlen würden, in der Arbeit von einem Roboter unterstützt zu werden. “Vollkommen unwohl” fühlen sich laut eigener Aussage besonders Wähler*innen der FPÖ (22%) im Gegensatz zu Wähler*innen der NEOS (2%) und der Grünen (9%). Auffällig ist, dass Wähler*innen der FPÖ zugleich auch angeben, den wenigsten Kontakt mit Technologie am Arbeitsplatz zu haben: Knappe 70% verwenden neue digitale oder technische Geräte “nie” im beruflichen Kontext. Das ist dagegen bei weniger als der Hälfte der Wähler*innen von NEOS und Grünen der Fall. Je weniger Erfahrung Menschen mit Technologien am Arbeitsplatz haben, desto größer ist die Skepsis.

Abbildung 3: Zustimmung zur Aussage “Roboter/KI nehmen Menschen Arbeitsplätze weg” nach selbstberichtetem Wahlverhalten (NRW 2019)

Der Zusammenhang zwischen Technologieskepsis (im Sinne von Abbildung 3) und der Wahlentscheidung für die FPÖ ist nicht allein auf die Bildungs-, Alters-, Geschlechter- oder Einkommensstruktur der entsprechenden Wähler*innenschaft zurückzuführen. Er bleibt auch bestehen, wenn diese Faktoren herausgerechnet werden. Anders gesagt: Wähler*innen der FPÖ sind unabhängig von Einkommen, Geschlecht, Alter und Bildungsstand grundsätzlich etwas stärker der Meinung, dass Roboter oder künstliche Intelligenz (KI) Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen. (Bei Wähler*innen der anderen im Parlament vertretenen Parteien ist der Zusammenhang nach Kontrolle der genannten Faktoren nicht mehr signifikant.)

Es steht daher - analog zu der eingangs erwähnten These von C.B. Frey - zu vermuten, dass die eigenen Erfahrungen am Arbeitsplatz und die daraus entstehenden Sorgen, durch Technologie ersetzt zu werden, zu rechtspopulistischen Wahlentscheidungen motivieren könnten. In einem Regressionsmodell, das die Wahl der FPÖ als abhängige Variable erklärt, bleibt Technologieskepsis neben Bildungsstand, Geschlecht, Alter und Einkommen ein signifikanter Faktor - und zwar einer von nicht zu vernachlässigender Erklärungskraft (Abbildung 4). Die Chance, Wähler*in der FPÖ zu sein, steigt mit jeder Erhöhung der Technologieskepsis von einem Skalenpunkt um den Faktor 1.4. Dieser Zusammenhang muss nicht kausal sein - er sollte aber angesichts mehrerer in jüngster Zeit publizierter Studien über den Zusammenhang von Verdrängung am Arbeitsmarkt und Rechtspopulismus Anlass zu weiteren Analysen sein.

Abbildung 4: Wahlentscheidung FPÖ – Regressionsmodell (Ergebnisse eines logistischen Regressionsmodells mit der binären abhängigen Variable “Wahlentscheidung FPÖ” und fünf unabhängigen Variablen. Das Diagramm zeigt die Punktschätzungen der Odds Ratios dieser unabhängigen Variablen mit 95%-Konfidenzintervall. Technikskepsis wurde wie in Abbildung 1 auf einer fünfstelligen Skala gemessen: Höhere Werte bedeuten eine höhere Zustimmung zur Aussage “Roboter/KI nehmen Menschen Arbeitsplätze weg”. N=811.)

Was bei diesen Daten ferner auffällt, ist, dass jene politischen Segmente, die traditionell etwa im Bereich Biotechnologie (Stichwort Gentechnik) oder auch bei Nuklearenergie für besondere Skepsis bekannt sind -- nämlich ökologisch-progressive und wertkonservative Wähler*innen -- bezüglich arbeitssparender Technologien gespalten sind: NEOS- und Grün-Wähler*innen sehen digitale und Automatisierungstechnologien positiv während FPÖ-Wähler*innen skeptisch sind. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass es bei der Einschätzung von digitalen und Automatisierungstechnologien um unterschiedliche Betroffenheit je nach sozialen und ökonomischen Lebensumständen geht.

Arbeitsmarktrisiko

Wie sieht es mit dem objektiven Arbeitsmarktrisiko aus? Wähler*innen der FPÖ sind tatsächlich stärker in Branchen tätig, in denen besonders die Meinung vorherrscht, dass der eigene Job “in der Zukunft von einem Roboter oder künstlicher Intelligenz übernommen werden könnte” (siehe Abbildung 6). Es handelt sich dabei durchaus auch objektiv um Sektoren, die eher von manueller und Routinearbeit geprägt sind und dadurch einem höheren Risiko der Automatisierung ausgesetzt sein könnten: etwa der Handel (Stichwort Amazon), das Transportwesen (Stichwort selbstfahrende Autos), oder das verarbeitenden Gewerbe (Stichwort Industrie-Robotik). Erwerbstätigkeit im Bereich sozialer und kognitiver Tätigkeiten wie Erziehung und Informationsdienstleistungen stehen dagegen weniger im Verdacht, in naher Zukunft leicht automatisierbar zu sein.

Abbildung 5: Starke Zustimmung zur Aussage “Roboter/KI nehmen Menschen Arbeitsplätze weg” nach Branche des Erwerbs und Wahlentscheidung FPÖ (NRW 2019; Branchen mit weniger als 2% Beschäftigung nicht berücksichtigt)

In Summe legt unsere erste empirischen Annäherung die Vermutung nahe, dass das Arbeitsmarktrisiko in Zusammenspiel mit geringem Kontakt mit Technologie am Arbeitsplatz in die politische Stratifikation der Technologie-Angst hineinspielen. Da Technologieskepsis auch mit Vertrauen in (auch staatliche) Institutionen und in die politische Führung zusammenhängt, könnte die besonders regierungskritische Haltung von Wähler*innen der FPÖ darüber hinaus ein weiterer erklärender Faktor sein. Unabhängig von Parteipräferenzen ist die Sorge über den technologischen Wandel der Arbeitswelt in der österreichischen Bevölkerung allerdings generell relativ hoch. Weshalb diese Sorge politisch nicht stärker aufgegriffen wird, ist eigentlich verwunderlich.


Lukas Schlögl ist Post-Doc Universitätsassistent für Vergleichende Politikfeldanalyse am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Themen der Technologie-, Industrie- und Arbeitspolitik.

 

Barbara Prainsack ist Professorin für Vergleichende Politikfeldanalyse und Leiterin der Forschungsgruppe Zeitgenössische Solidaritätsstudien (CeSCoS) am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.